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MLN 119.3 (2004) 630-634



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Hans-Joachim Pieper, Musils Philosophie. Essayismus und Dichtung im Spannungsfeld der Theorien Nietzsches und Machs. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002. 164 pages.

Er sei "kein Philosoph" und noch "nicht einmal ein Essayist," sondern ein "Dichter," notierte Musil einmal in sein Tagebuch, wie Hans-Joachim Pieper auch gleich zu Beginn seines Buches über "Musils Philosophie" pflichtschuldig vermerkt (7). "Dichtung" aber war für Musil nie nur eine Angelegenheit der gehobenen Unterhaltung oder der künstlerischen Ausschmückung des Lebens, sondern sollte nach ihm eine zweifache Aufgabe erfüllen: erstens—und das rückt sie in eine gewisse Nähe zu Fragen der philosophischen Ethik—die der "Sinngebung," der Erweckung des Lesers zu einem als bedeutsam gefühlten Erleben des Lebens. Und zweitens—und das wirft gnoseologische Fragen auf—die der Erforschung von jenen Bereichen menschlichen Daseins, die einer rein rationalen Erfassung unzugänglich sind und die Musil, in Abgrenzung von dem "ratioïden Gebiet" der durch Gesetze und Regeln systematisierbaren Tatsachen, zusammenfassend als das "nicht-ratioïde Gebiet" bezeichnet: Es ist dies das Gebiet unwägbarer Gefühlserlebnisse und Stimmungen, das Gebiet der Werte und der "seelischen Motive", das Gebiet des "inneren Menschen".

Nun ist es aber nach Musil keineswegs allein der literarischen Fiktion vorbehalten, dieses "nicht-ratioïde Gebiet" zu erkunden: Auch der Essay—jedenfalls der "echte Essay" (den Musil übrigens paradigmatisch in der philosophischen Prosa Maeterlincks, Emersons, auch Nietzsches verwirklicht sah)—hat es mit den Erscheinungen dieses Bereiches zu tun: Er sei "das Strengste des Erreichbaren auf einem Gebiet, wo man eben nicht genau arbeiten kann."1 Musil beschäftigte sich, in theoretischen Abhandlungen und Skizzen und in seinen Tagebüchern, aber auch im Mann ohne Eigenschaften, intensiv mit dieser literarischen Gattung. Und es sind vor allem diese Überlegungen, die Pieper in seiner Studie zusammenträgt und aus denen er das rekonstruiert, was er "die Philosophie Robert Musils"—oder auch bündig dessen "Essayismus"—nennt.

Diese "Philosophie" basiert auf einer Auffassung ihres Erkenntnisbereichs (des "nicht-ratioïden Gebiets"), nach der es sich bei dessen Gegenständen, soweit sie eben in die Ordnung des Denkens eingetreten sind, um kontingente und prinzipiell widerrufbare Interpretationen handelt, und nach der diese Gegenstände nie vollständig zu erfassen sind: "denn ein ganz erfaßtes Ding verliert mit einem Male seinen Umfang und schmilzt zu einem Begriff ein," wie es im Mann ohne Eigenschaften heißt.2 In denk- und darstellungsmethodischer Hinsicht entspricht dieser Anschauung erstens die Verpflichtung auf einen Pluralismus der Perspektiven: An die Stelle der in der wissenschaftlichen Abhandlung von einer einmal gewählten Perspektive aus unternommenen "Beschreibung" tritt im Essay die—einen Sachverhalt unter wechselnden Gesichtspunkten anvisierende—"Umschreibung" oder gar [End Page 630] "Rundherumschreibung."3 Und zweitens betrachtet der "echte Essay" seine Objekte (wie Handlungen, Geschehnisse, Eigenschaften) nicht als eigenständige, ihr Wesen und ihre Bedeutung in sich selbst tragende Dinge, sondern sieht ein jedes stets als "abhängige Funktion anderer," als eine Variable, deren jeweiliger Wert sich erst im Zusammenhang eines größeren Ganzen ergibt.

Aber nicht nur als ein erkenntnistheoretisches und -praktisches Programm möchte Pieper die Philosophie des Essayismus verstanden wissen, sondern auch als eine ethische Haltung, die zwar jeder in allgemeinen Regeln formulierten Morallehre skeptisch gegenübersteht, dafür aber "die Frage des rechten Lebens" um so ernster nimmt und sich für die "werteschöpfende" Wirkung individueller, zutiefst persönlicher "ethischer Erlebnisse" öffnet (37).

Mit dem "Mann ohne Eigenschaften" hat Musil eine literarische Figur geschaffen, an der er den Essayismus als eine "spezifische Lebenseinstellung" (22) vorführt: Ulrich "huldigt der Utopie des Essayismus," heißt es im 62. Kapitel des Romans, denn er "glaubte [...], Welt und eigenes Leben" ungefähr so "am richtigsten ansehen und behandeln zu können," "wie ein Essay in der Folge seiner Abschnitte ein Ding von vielen Seiten nimmt, ohne es ganz zu erfassen."4 In einer etwas überraschenden Wendung argumentiert nun aber Pieper, Ulrich bringe eben dadurch, daß er "den Essayismus als eine 'existenzielle Kategorie' ins Leben [überträgt]," ihn gerade...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 630-634
Launched on MUSE
2004-06-11
Open Access
No
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