In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

MLN 119.3 (2004) 620-627



[Access article in PDF]
Thomas Bedorf, Dimensionen des Dritten. Sozialphilosophische Modelle zwischen Ethischem und Politischem. München: Wilhelm Fink Verlag, 2003. (Reihe: Phänomenologische Untersuchungen, hg. v. Bernhard Waldenfels). 403 pages.

Die Konjunktur, die die Beschäftigung mit Figuren des Dritten in den Kultur- und Sozialwissenschaften sowie in der Philosophie seit einiger Zeit hat, speist sich aus einem doppelten Versprechen: Zunächst erlauben es die kurrenten Konzeptionen des Dritten, eine Überschreitung oder Subversion von als Einschränkung, Zumutung oder Zwang erfahrenen Dualismen zu denken. Dass dies als Versprechen einer 'Befreiung' allenthalben eine "euphorisierende Wirkung" zeitigt, wie Niels Werber bemerkt (zit. nach Bedorf, S. 21; alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf Bedorf, Dimensionen des Dritten), erscheint nur allzu nahe liegend. Im Gegenzug dazu aber verspricht—und darin scheint die eigentliche Pointe zu liegen—der Dritte es auch, die mit der Entregelung binär oder oppositionslogisch verfasster Ordnungen einhergehende 'Verwirrung' im Zeichen einer gesteigerten Komplexität doch wieder in einer fasslichen theoretischen Figur zu integrieren. Auch diese Gegenbewegung zur 'Befreiung' birgt ein euphorisches Potential, dem sich Theoriebildungsprozesse nur schwer entziehen können.

Thomas Bedorf hält sich in seiner Untersuchung "Dimensionen des Dritten. Sozialphilosophische Modelle zwischen Ethischem und Politischem" von der angedeuteten rhetorischen Überhitzung des Themas fern. Wo der Dritte in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung weithin fast selbstläufig als Garant interdisziplinärer Weitsicht firmiert, da hält Bedorf an einer dezidiert philosophischen Perspektive fest. In einer nüchternen und präzisen Konstruktion entwirft Bedorf verschiedene Weisen, den Dritten als theoretische Figur eigenen Rechts für die sozialphilosophische Debatte fruchtbar zu machen. Dass die Konstruktion dabei weitgehend lesend verfährt, in Form einer beharrlichen Arbeit am philosophischen Text, kommt der Genauigkeit und der methodischen Transparenz der Arbeit zugute und erlaubt es der Lektüre, Einsatzpunkte etwaiger Ein- und Widersprüche bestimmt zu markieren.

Die Ausschlüsse, die das bewusst sich selbst begrenzende Unternehmen erfordert, werden von Bedorf explizit angezeigt: Gender- wie Postcolonial-Studies bleiben unberücksichtigt (und damit auch "hybride" Konzepte wie third sex resp. space), ebenso die anthropologische Diskussion.

Zur Erarbeitung der anvisierten "sozialphilosophischen Modelle" werden fünf Autoren herangezogen, denen jeweils ein Kapitel gewidmet wird: Emmanuel Levinas, Georg Simmel, Sigmund Freud, Jacques Lacan und Jean-Paul Sartre. Diesen Kapiteln, die durchaus auch als Einzelstudien zu den jeweiligen Autoren gelesen werden können, folgt ein Resümee, das in Thesenform den sozialphilosophischen Ertrag der geleisteten Einzellektüren zu formulieren sucht. [End Page 620]

Die Anlage der Arbeit folgt einem begrifflich streng ausgearbeiteten Schema: Die "Dimensionen des Dritten" sollen, so zeigt der Untertitel an, sozialphilosophisch modelliert werden "zwischen Ethischem und Politischem". Das "Ethische" bestimmt Bedorf mit Levinas dabei alteritätstheoretisch als Dyade von Ich und Anderem; das "Politische" hingegen wird zunächst weitgehend bestimmungsoffen umschrieben als Bereich normativer Ordnungen (vgl. S.20f).

Der sozialphilosophische Ansatz, welcher der Arbeit zugrunde liegt, behauptet nun eine—wenn auch problematische—Kontinuität von Ethischem und Politischem: Genau hier, zwischen diesen Bereichen, sie trennend und verbindend, als—so lautet die zentrale Metapher in Bedorfs Buch—"Scharnier" zwischen Ethischem und Politischem ist jener Dritte anzusetzen, der im Fortgang der Argumentation und Lektüren von Bedorf in verschiedenen Modellen konturiert und ansprechbar gemacht wird und dessen Funktionen es zu klären gilt.

Allen vorgestellten Modellen des Dritten, wie verschieden sie im Einzelnen auch ausfallen mögen, ist eines gemeinsam: Der Dritte wird nicht als Figur einer totalisierenden Vermittlung, sondern als eine solche des Übergangs und der Verflechtung umschrieben. Wesentlich ist ihm in diesem Sinn eine irreduzible Labilität, die sich nicht (mehr) dialektisch substantialisieren lässt. Der Dritte "tritt hinzu"—so die in den behandelten Theorien nahezu stereotyp auftauchende Formulierung; er tritt hinzu zu einer gegebenen Dyade von Ich und Anderem und unterzieht diese Beziehung einer wesentlichen Verwandlung. Der Dritte figuriert den Übergang der ethischen Dyade in eine genuin politische Konstellation, und er figuriert zugleich die Verflechtung von Ethischem und Politischem, welche so als prekäre Einheit des Sozialen aufgefasst wird. Intrikat an dieser Konstellation ist nun, dass die zeitliche Abfolge, die das "Hinzutreten" des Dritten suggeriert, nur als Abstraktion aufzufassen ist; die Einheit...

pdf

Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 620-627
Launched on MUSE
2004-06-11
Open Access
No
Back To Top

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website. Without cookies your experience may not be seamless.