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Stockende Kampfmaschinen: Die Problematik des enthusiastischen Kriegshelden bei Wieland und Lessing
In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

In einem Aufsatz über den idealen Soldaten (1738) schildert der miles poeticus Johann Michael von Loen den allgegenwärtigen General. Er hat die entscheidende Kriegsfunktion, das Gemeinschaftsgefühl der Soldaten zu sichern, da er den Geist seiner Truppen emotional zu vereinen weiß:

So bald siehet ein tapfferer General nicht seine Truppen an den Feind rücken, so wünschet er schon auf allen Seiten gegenwärtig zu seyn, und einem jeden Soldaten seinen Muth und seine Stärcke einzuflößen; es kocht und wallt in seinen Adern ein erhitztes Blut, seine Augen sind voller Feuer und Leben, sein Ansehen ist herrlich, wo er sich zeiget, da werden seine Leute behertzt; er selbst aber muß seinen Muth zurück halten; die Weißheit steht ihm zur Seiten, sie will an seinen Siegen nicht weniger Antheil haben, als die Tapferkeit.

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Es obliegt dem General, mit seinem herrlichen Aussehen und seinen Augen voller Feuer und Leben, den Soldaten “Muth” einzuflößen und sie zu “beherzen.” Von den äußeren Merkmalen des heldischen “Beherzt-seins” hängt das Entstehen einer kollektiven Begeisterung ab. Sein Enthusiasmus macht seine Erscheinung “auf allen Seiten gegenwärtig” und beherrscht Auge und Ohr der Soldaten. Während die Soldaten der Schlacht mit Begeisterung begegnen sollen, herrscht bei ihm letztendlich eine andere Art der Kriegsbetrachtung vor: sein Genius kontrolliert seine Gefühle, hält seinen Enthusiasmus zurück und macht ihn zum Beherrscher des Kriegstheaters. Seine Person verkörpert somit frühneuzeitliche, mit Kriegsführung und Autorität verbundene Männlichkeitsphantasien (Purkiss 35).

Wie unter anderem Yuval Noah Harari dargestellt hat, stützte sich die idealisierte Kriegswahrnehmung im 18. Jahrhundert noch stark auf diese performativtheatralische Perspektive des allbeherrschenden Feldherren, dessen Kriegstheater in der frühen Neuzeit oftmals den Blick auf die eigentlichen Soldaten verhinderte, die nicht als Personen, sondern als strategische Schachfiguren eines fürstlichen Kriegsspiels dargestellt wurden (120). Nach Paul Virilio suggeriert die barocke Darstellung des Krieges zugleich eine Unmittelbarkeit und Vollständigkeit der Kriegswahrnehmung, die als “amedial” zu bezeichnen ist, und die ebenfalls vor allem dem genialen Feldherrn vorbehalten war (115–116). Auch die Heroisierung der Kriegswirklichkeit in der Literatur führte oft zu einer Kriegsbetrachtung “auf Abstand,” wobei im barocken Spektakel der Schlacht zwar Details gezeigt wurden, die emotionale Seite des Krieges aber nur im “Kriegsmut” hervorgehoben wurde und andere Gefühle wie Angst und Zweifel unbeachtet blieben (Birgfeld I: 288–289).

Erst mit der heute oft als “militärische Aufklärung” bezeichneten Geburt der Militärwissenschaften wurde der Blick, der sich nur auf die äußere Wahrnehmung einer Schlacht beschränkte, langsam als interpretatives Problem der militärischen Taktik anerkannt. Auch Schriftsteller wurden sich zunehmend der Problematik der “Nicht-Erzählbarkeit einer Schlacht” bewusst (Jahn 101). Im vorliegenden Beitrag werde ich mich mit zwei literarischen Texten aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges befassen, die die innere Wirkung der “Kriegsmaschine” erkunden: Wielands Epenfragment Cyrus (1759) und Lessings Kurzdrama Philotas (1759). Anhand der Frage, in wie weit diese Texte sich mit der psychologischemotionalen “Mechanik” einer idealisiert dargestellten Armee auseinandergesetzt haben, werde ich analysieren, wie “präzise” auch die Literatur der Aufklärung sein konnte, einen Kriegsakt nicht nur zu beschreiben, sondern zugleich als eine (misslungene) heroische Erfahrung umzudeuten. Andernorts habe ich untersucht, inwiefern der patriotische Diskurs im 18. Jahrhundert eine “menschliche” Perspektive auf militärisches Handeln benötigte, um das für Bürger so abstrakte Kriegsgeschehen fühlbar und erfahrbar zu machen (71–77). Diese “menschliche” Perspektive des militärischen Helden im Epos und Drama, die in der Forschung bisher überwiegend anhand poetologischer Fragen diskutiert wurde, werde ich in diesem Aufsatz vor allem psychologisch-emotional deuten. Das Ideal einer Kriegsmaschine, die Gefühle wie Begeisterung und Enthusiasmus instrumentalisiert und das Verhalten emotionaler Kämpfer zu bestimmen vermöchte, spielt in diesem Deutungsversuch der beiden Heldendarstellungen eine wichtige Rolle.

Die Problematik des “menschlichen” Kämpfers wird in diesem Beitrag in Zusammenhang mit zwei Wissensgebieten des 18. Jahrhunderts besprochen. Zum einen eignet sich die emotional-psychologische Deutung sozialen Verhaltens bei Anthony Ashley Cooper (Shaftesbury), um die militärpsychologische Massenwirkung der Gefühle zu verstehen, zum anderen werden anhand der Aufsätze zur Erfahrungsseelenkunde Johann Georg Sulzers die zeitgenössische Auseinandersetzung mit der seelischen Einbildungskraft beleuchtet. Die Enthusiasmus...



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