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Verlorene Paradiese?: Theater-Autorinnen und ihre Dramen

From: Forum Modernes Theater
Volume 25, Number 2, 2010
pp. 17-25 | 10.1353/fmt.2010.0014

In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

Das Drama gilt in der Theater- und Literaturgeschichte gemeinhin als ‘männliche’ Domäne, innerhalb derer Dramatikerinnen sich nur schwer Präsenz verschafften oder scheiterten. Um diese dichotome Wahrnehmung geht es im vorliegenden Beitrag. Dabei soll die Rolle der ‘Dramatikerin’, ihre Autor-Funktion befragt und insbesondere ihre Rezeption in der Theater- und Literaturwissenschaft behandelt werden. Die zentrale Frage lautet, wie sich eine solche genderspezifische Alterität in die Wissenschaft einund in ihr festschreibt und mit welchen Konsequenzen für die Dramatik und für die theatralische Praxis.

Exemplarisch soll die Rezeption von Luise Gottsched, Charlotte Birch-Pfeiffer, Marieluise Fleißer und dem Berner Kurzstückprojekt Verlorene Paradiese analysiert und dafür postuliert werden, dass die Präsenz von ‘Dramatikerinnen’ und damit ganz verschiedener Dramenformen und -themen im Kanon nur über differenzierte Betrachtungen nach expliziten historisch, produktionsästhetisch und theaterpraktisch adäquaten Kriterien zu erreichen ist.

“Eine Phalanx, ein Dutzend wirksamer Dramatikerinnen erobert die Bühne mit neuen Themen und Formen”; dies schreibt 1933 der Theaterkritiker Hans Kafka. Inwiefern – mag man aus heutiger Sicht auf den theatralen und literarischen Kanon fragen – und wo sind sie geblieben, die wirksamen Dramatikerinnen? Während Kafka geradezu martialisch einen Aufbruch, eine Wende in der Theater- und Literaturgeschichte heraufbeschwört, gibt sich eine der wohl gemeinten Dramatikerinnen bereits drei Jahre früher weitaus skeptischer. Marieluise Fleißer stellt in ihrem kurzen Text Das dramatische Empfinden bei den Frauen fest:

“Wenn der bloße Kampf ein Drama wäre, hätten schon viele Frauen Dramen geschrieben. Aber zum sogenannten wohlabgewogenen Bau hat sie kein inneres Verhältnis. Sie fühlt die Forderung, die in jedem Stück liegt, daß es zu einem bestimmten Punkt hinaufsteigen muß, noch sehr dumpf, sieht nicht die klar gezogene Linie. Es ist denn auch der Einwand, den man immer wieder gegen Stücke von Frauen erhebt, daß sie nicht gebaut sind.”

Fleißer orientiert sich in dieser Stelle offen-sichtlich an einer normativen Dramenpoetik. Zurückgehend auf ein Modell der geschlossenen Handlung mit Konflikt und klarem Spannungsbogen prägt im deutschsprachigen Raum – nach anderen wie Gottsched, Lessing oder Schiller – vor allem Gustav Freytag das Dramenparadigma. In seiner Schrift Technik des Dramas von 1863 entwirft er bekanntlich das fünfstufige Dreiecks-Schema mit steigender Handlung zum Höhepunkt und fallender Handlung zur Katastrophe. Fleißer, die Freytags Vokabular aufnimmt, indem sie vom wohlabgewogenen Bau mit klaren Linien spricht, nimmt diese Norm (zumindest scheinbar) an, sagt aber gleichzeitig, dass die Frau dazu keine “wesentliche Veranlagung” habe. Dass sie mit diesem Statement ihr bestens bekannte Zeitgenossen wie etwa Brecht nicht berücksichtigt, der eine dezidiert nichtaristotelische Dramenpoetik propagiert und realisiert hat, darauf wird noch einzugehen sein.

Zunächst zurück zur weiblichen Phalanx oder zum Rückzug: Die beiden zitierten Voten, das progressive von Kafka und das defensive von Fleißer widersprechen sich allerdings gar nicht so sehr, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Die Rolle der “Dramatikerin”, ihr Ansehen – wenn man so will –, wird jeweils nur anders gewertet. Beide, Kafka und Fleißer, diagnostizieren eine Abkehr vom bzw. einen Verstoß gegen den ‘klassischen’ Bau der Dramen. Kafka stellt dies als erfolgreiche formale und thematische Neuerung dar, in Fleißers Zitat kommt es zumindest vordergründig als Eingeständnis eines Unvermögens daher.

In beiden Voten ist so eine genderspezifische Behauptung formuliert, die das aristotelisch normative Drama als männliche Domäne begreift. In diese Domäne nun dringen die Dramatikerinnen – je nach Wahrnehmung – kämpferisch ein oder sie scheitern daran, ja müssen daran scheitern.

Um diese dichotome Wahrnehmung geht es im vorliegenden Beitrag. Es soll dabei explizit nicht – wie dies die Gendertheorie insbesondere der 1980er Jahre bis in die 1990er Jahre getan hat – darauf eingegangen werden, ob Frauen, speziell Dramatikerinnen, tatsächlich anders schreiben als Männer oder Dramatiker. Das literarische und damit auch das dramatische Schreiben ist allerdings viel zu komplex, als dass m. E. Rückschlüsse vom Text auf das ‘reale’ Geschlecht des Autors und umgekehrt gemacht werden könnten. Schreiben ist immer auch ein Spiel, eine bewusste oder unbewusste Maskerade, in der die “Person” des Autors persona ist im etymologischen Wortsinn, Rolle, Maske, hinter die wir – nicht erst seit Roland Barthes oder Michel Foucault – nicht schauen...


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