Aisthesis und Noesis: Zwei Erkenntisformen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart ed. by Hans Adler and Lynn L. Wolff (review)
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Hans Adler and Lynn L. Wolff, eds., Aisthesis und Noesis: Zwei Erkenntisformen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Munich: Wilhelm Finck, 2013. 202 S.

Die Vorderseite des Buches ist durch ein Bild mit dem Titel “The Innocent Eye Test” des amerikanischen Malers Mark Tansey illustriert. Der von Hans Adler und Lynn Wolff herausgegebene Band beginnt anhand dieses im Metropolitan Museum of Art in New York im Original zu sehenden Bildes mit einer Reflexion auf mehrfache Referenzrahmen, die das Verhältnis von Fiktionalität und Realität der bildhaft dargestellten Gegenstände abhängig von Sichtweisen der Beobachter und hinsichtlich differenzierter Ebenen der Metaphorizität grundsätzlich und auf humorvolle Weise hinterfragen lassen. [End Page 311]

In der Einleitung der Herausgeber wird schon die Absicht des Buches dargelegt, wobei Helmuth Plessner aktualisiert wird, der sich in den 1980er Jahren einer “Ästhesiologie der Sinne” widmete und sich dabei auf J. G. Herder berief als er die Aisthesis, die sinnliche Erkenntnis, als integralen Bestandteil aufklärerischen Denkens definierte und als das wichtigste Fundament für künstlerische und literarische Darstellungspraxis gültig zu machen suchte. Impliziert wird dabei, dass Herder eine bislang noch übersehenene Wichtigkeit hat, zumal Kants Kritik der Urteilskraft und Hegels Begriff der Ästhetik bezogen auf “die Theorie der Kunst und des Schönen” im Sinne einer “Kallistik” zu einer unnötigen und letzlich inhumanen Reduktion der Vorstellung dessen, was “Ästhetik” sei, geführt habe. Im Blick auf diesen Sachverhalt besteht Bedarf, sich zurückzubesinnen auf vorkantische Ästhetik. Hans Adler und Lynn Wolff machen sich insbesondere Baumgartens Hinweis auf eine “Aisthesis—Noesis Konstellation” zunutze, die sich auf eine Tradition der Antike und der Patristik beruft und in antiker und mittelalterlicher Philosophie und Theologie als Ästhetik der “Wissenschaft von der sinnlichen Erkenntnis” (15) gekennzeichnet und als “jüngere Schwester der Logik” in philosophische Diskurse aufgenommen wurde. Es ist Baumgarten zu verdanken, dass der Ästhetik-Begriff auf der Aisthesis, der sinnlichen Erkenntis, aufbaut. Mit der Gegenüberstellung von sinnlicher und begrifflicher Ästhetik—aesthesis/aisthetà und noesis/noetà (15)—kommt eine Bewegung in Gang, ein “Versuch einer revolutionären Umwertung” (15).

Es wird gezeigt, dass Fragen nach Objektivität und Subjektivität jeweils Fragen des Horizontes sind, wobei “Horizont” ein philosophischer Begriff ist, der in Hans Adlers Aufsatz “Horizont und Idylle—Aspekte einer Gnoseologie von Aisthesis und Noesis” einen wichtigen Stellenwert besitzt. Als Wissens- oder Erkenntnishorizont betrachtet, oder als “Grenzlinie zwischen Wissen und Nichtwissen,” (25) trennt der Horizont jeweils ein Diesseits und ein Jenseits, wobei eine solche Grenze beweglich ist. Geht es Baumgarten um die Forderung eines Wohnrechts oder um einen “Raum im Haus der Philosophie,” in dem auch “eine Logik der unteren Erkenntnisvermögen” Platz habe, so bleibt aktuell “eine Wissenschaft,” die das sogenannte “untere Erkenntisvermögen” lenkt und die dynamischen Bedingungen für Erkenntnisformen und deren philosophische Voraussetzungen schafft (16). Dies kommt laut Adler so zustande, dass Gnoseologie gemäß der Annahmen des Pythagoras dem kosmos néotos, der vernünftigen verstandesgemäßen Ordnung, einen kosmós aisthetós sinnlicher Ordnung komplementär zugesellt und in Dialog bringt. Dadurch könne eine qualitativ offenere und inklusivere “Wissenschaft” zu etablieren sein, durch die auch sinnliche Erkenntnis möglich ist. Man könnte dies im Sinne Baumgartens, wie Adler erklärt, auch eine sciencia sensitive quid cognoscendi nennen (35). Die literarische Gattung Idylle ist ein Pendant zum Horizont. Eine Idylle setzt eine Beschränkung als Bedingung von Ordnung voraus. Adler formuliert: “Das Leben in der gnoseologischen Idylle ist, wie das Biotop, nur relativ sicher, nämlich so lange, wie das, was jenseits des Horizonts liegt, nicht als Katastrophe einbricht in den vom Wissen eingehegten Raum. Wissenschaft ist als Kultur der Sicherung dieser Idylle im Modus der Noesis selbst den Gesetzen der Idylle unterworfen, wie die Wissensgeschichte mit ihren Paradigmenwechseln belegt” (41). Es geht in diesem Buch um eine Sichtung solcher Wissensgeschichten und Paradigmenwechsel und um “oszillierende Konstellationen” beim Versuch, Aisthesis und Noesis wissenschaftlich zusammen zu bringen. Es stellen sich Fragen wie: “Welche Art Wissen kann im Modus der gnoseologischen [End Page 312] Selbstrücknahme produziert werden?” (42) und “Wie vermittelt Literatur Geschichte, wie Geschichtsschreibung sie nicht vermitteln kann?” (42).

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