A Courtier’s Mirror: Cultivating Elite Identity in Thomasin von Zerclaere’s Welscher Gast by Kathryn Starkey (review)
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A Courtier’s Mirror: Cultivating Elite Identity in Thomasin von Zerclaere’s Welscher Gast.
By Kathryn Starkey. Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press, 2013. 456pages + 102 color illustrations. $55.00.

Die Formierung einer neuen weltlichen Elite im 12. und 13. Jahrhundert erfolgte in der Regel durch die Übermittlung klerikal-litterater und lateinisch formulierter Normen an ein illitterates Laienpublikum. Ein wichtiges Instrument in diesem Prozess ist die Umsetzung solcher Normen in die Volkssprachen. Ein bemerkenswerter Zeuge dafür ist der aus Friaul stammende italienisch- und lateinischsprachige Kleriker Thomasin von Zerclaere, der im Winter 1215/16, in nur zehn Monaten, eine didaktische Versdichtung in der für ihn fremden deutschen Sprache verfasst und an die weltliche Elite des Laienadels nördlich der Alpen adressiert. In zehn Büchern bietet er eine komplette Lebens- und Verhaltenslehre für den Laienadel: Ethische Werte und ihre Hierarchie, die Seelenkräfte, Tugenden und Laster, Rechtspflege, Tischsitten und anderes mehr sind Gegenstände der Didaxe. Das Werk war im Mittelalter durchaus beliebt: 15 vollständige Handschriften und 10 Fragmente ehemals vollständiger Handschriften sind bekannt, weitere heute verlorene Handschriften sind sicher bezeugt. Insgesamt 14 Handschriften bieten Illustrationen des Textes, die die Wirkung des Worts durch Bilder verstärken sollen. Es ist nicht sicher, ob der (verlorene) in Italien entstandene Archetyp bereits illustriert war. Und wenn es so war, ist unsicher, ob die Illuminatoren den deutschen Text verstanden, was nicht ganz ohne Bedeutung ist. [End Page 698]

Die vorliegende Untersuchung gilt dem Zusammenwirken von Text und Bild in der Vermittlung einer Lebens- und Verhaltenslehre für den Laienadel. Im Mittelpunkt steht dabei der umfangreichste Illustrationszyklus des Werks in der Gothaer Handschrift Memb. I 120 aus dem Jahr 1340 mit 119 Textillustrationen und einem Widmungsbild; ergänzend werden der Zyklus der 108 Bilder der frühesten Handschrift, Heidelberg cpg 389, geschrieben kurz nach der Mitte des 13. Jahrhunderts, und weitere thematisch korrespondierende Buchillustrationen herangezogen. Ziel der Untersuchung ist, den Text und die Bildausstattung des Welschen Gasts zu interpretieren als einen Spiegel (daher der Titel) einer sich vor und um 1200 formierenden Adelsgesellschaft und ihrer Kultur zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Die weit verbreitete Spiegelmetapher deutet auf Schauen und Erkennen als zentrale Komponenten einer gelingenden Bildungsvermittlung und ihrer Didaxe.

Die eigentliche Untersuchung (1–146) wird ergänzt durch vier Appendices: 1. Eine Liste der Handschriften (147–152); 2. Eine Inhaltsübersicht über den Text nach der Gothaer Fassung mit Nachweis der Illustrationen und ihrer Abbildungen (153–195); 3. Der Bilderzyklus der Gothaer Handschrift, synoptisch zu jeder Abbildung die jeweilige Analyse und Transkription der Beischriften (196–351); 4. Abbildungen aus der Heidelberger Handschrift und weiteren thematisch verwandten Codizes (352–377). Alle Abbildungen sind von hervorragender Qualität wie auch die gesamte Ausstattung des Buchs. Es wäre nur sinnvoll gewesen, für den Band ein größeres Format zu wählen, denn die Beischriften, Spruchbänder und weitere Details sind trotz sehr guter Abbildungsqualität kaum zu erkennen.

Die umfangreiche Einleitung (1–31) legt die Grundlinien fest: “My thesis is that the illustrated poem participates in the construction of an elite secular identity for an audience that was concerned with distinguishing itself socially and emancipating itself from clerical society” (4). Die Dichtung Thomasins wie auch die gesamte deutschsprachige Adelsliteratur um 1200 ist damit ein später Nachläufer eines Prozesses, der bereits im Investiturstreit des 11. Jahrhunderts seinen ersten Höhepunkt findet, ohne dass bis gegen 1160 die Volkssprache daran einen erkennbaren Anteil hat. Im Mittelpunkt der Untersuchung der Illustrationen des Welschen Gasts steht dabei die Gothaer Handschrift von 1340, geschrieben freilich und illustriert zu einem Zeitpunkt, zu dem die Identitätsbildung der adligen Elite bereits als weitgehend abgeschlossen gelten kann. Beobachtungen zur Stellung des Welschen Gasts in der Didaxe des Mittelalters, in der oralen, scripturalen und visuellen Kultur der Zeit, zum Autor und zur Überlieferung schließen sich an.

Das erste der fünf folgenden Kapitel gilt der Kommunikationskultur zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Lesen und Hören, zwischen Volkssprache und Latein. Dabei bilden die Heidelberger Handschrift (um 1250) und die Gothaer (1340) “paradigmatic examples of two stages in the development of manuscript design” (35), die auf unterschiedliche Kontexte der Rezeption verweisen. Das f...


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