Autofiktionen von und für Literaturwissenschaftler
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Autofiktionen von und für Literaturwissenschaftler
Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart.
Von Hans Ulrich Gumbrecht. Aus dem amerikanischen Englisch von Franz Born. Berlin: Suhrkamp, 2012. 355Seiten. €24,90.
Übergänge. Autobiographische Notate.
Von Peter Uwe Hohendahl. Bielefeld: Aisthesis, 2008. 119Seiten. €14,80.
Granatsplitter. Erzählung einer Jugend.
Von Karl Heinz Bohrer. München: Hanser, 2012. 317Seiten. €24,90.

Wenn Germanisten (und nicht nur sie) in die Jahre kommen, in denen sie Zeit und Muße haben, um über ihr Leben nachzudenken, also meist im Ruhestand, erliegen sie leicht der Versuchung, ihr Leben nochmals erzählend zu rekonstruieren. Sie kennen die Confessiones des heiligen Augustinus, die Confessions des radikalen Rousseau und Goethes Dichtung und Wahrheit besonders gut, da sie diese klassischen Texte möglicherweise unterrichtet oder sogar darüber geschrieben haben. Was läge also für diese noch rüstigen Gelehrten näher, als diese exempla classica zu imitieren und das eigene Leben historisierend zu erzählen.

Außerdem ist die Autobiographie für diese Pseudo-Schriftsteller immer noch die einfachste Form des Erzählens: Das gebildete Ich schlüpft in die Rolle des Erzählers; die Erzählung selbst erfordert nicht alle Kniffe des Handwerks und der Stil kann schlicht sein. Eine Chronik des Lebens, gewürzt mit einigen Anekdoten und Reflexionen, mag genügen, um die neugierige Fachwelt zu unterhalten. Ehrgeizigere Autoren, die in die Geheimnisse der Erzählkunst eingeweiht sind, können sich auch komplexer Zeitstrukturen, symbolischer Beschreibungen und allegorischer Bilder bedienen. Nicht zu vergessen, von welchen Zeiten die Rede ist; denn es geht ja um nichts weniger als das werdende Ich im Zeitfluss und als Zeitzeuge. In den vorliegenden Fällen handelt es sich meist um die Zeit von 1933 bis zur Gegenwart, also um die fürwahr finsteren Zeiten der Naziherrschaft, des [End Page 628] Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit, auf die dann die Erfolgsgeschichte einer akademischen Karriere folgt. Im Grunde ein in jeder Weise befriedigendes literarisches Muster: Auferstanden aus Ruinen entwickelt sich eine neue Germanistik, an der die Autoren formend mitgewirkt haben.

Als Modell dieser Gattung kann immer noch Hans Mayers politische Autobiographie Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen (Frankfurt am Main: Suhrkamp) gelten, die er 1982 und 1984 in zwei Bänden, gestützt auf seine Tagebücher, veröffentlichte. Die turbulente und mutige Lebensgeschichte dieses jüdischen Gelehrten umspannt fast das gesamte 20. Jahrhundert. Erzählt werden prägende Abschnitte seines Lebens, die er im Alter von 75 im Tübingen niederschrieb. Er wurde 1907 als Sohn eines Kaufmanns und Kunsthändlers in Köln geboren, wo er eine solide humanistische Erziehung genoss. Seine Neigungen für Literatur und Musik (er war ein begabter Pianist) konnte er nicht verfolgen, und er studierte daher Rechts- und Staatswissenschaften in Köln, Bonn und Berlin. Er absolvierte die erste und zweite juristische Staatsprüfung mit Erfolg und promovierte im Alter von 23 Jahren mit einer staatsrechtlichen Arbeit. Doch konnte er diesen Brotberuf als Jude nach 1933 nicht ausüben. Vor den Nazis floh er zuerst nach Paris, wo er kurzzeitig Chefredakteur der kommunistischen Tageszeitung Neue Welt war, und anschließend nach Genf, wo die Schweizer Fremdenpolizei ihn, statt ihn nach Deutschland abzuschieben, zeitweise in ein Arbeitslager steckte. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Zwischen 1937 und 1939 war er Mitglied des College de Sociologie und begann literaturwissenschaftlich zu arbeiten. Dort entstand seine bahnbrechende Monographie über den Revolutionär Georg Büchner, mit der er später in Leipzig habilitiert wurde.

Nach Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück, wo er in Frankfurt zunächst Kulturredakteur der dpa und danach politischer Chefredakteur von Radio Frankfurt wurde. 1948 übersiedelte er mit seinem Freund Stephan Hermlin in die Sowjetische Besatzungszone und nahm 1949 eine Professur für Literaturwissenschaft in Leipzig an. Dort entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Literaturkritiker der neueren deutschen Literatur. Er nahm regelmäßig an Tagungen der Gruppe 47 teil, moderierte von 1964 bis 1967 zusammen mit Marcel Reich-Ranicki die beliebte Sendung Das Literarische Kaffeehaus und machte mit seinen unkonventionellen Kritiken ein breites Publikum mit Autoren wie Thomas Mann, Robert Musil, Uwe Johnson, Günter Grass und Hans Henny Jahnn bekannt. Dieses Engagement für die moderne Literatur machte...