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Literatur und Lebenswelt. Herausgegeben von Alexander Löck und Dirk Oschmann. Wien: Böhlau, 2012. 242 Seiten. €39,90.

Der auf Husserl zurückgehende Begriff der Lebenswelt könnte bei der Grundlegung einer modernen Ästhetik und Literaturwissenschaft eine entscheidende Rolle spielen (Verf., Zeitgabe. Für eine Ästhetik der Lebenswelt, Wien 2001; “Literatur/Kunst als Zeitrahmen,” in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 27, 1/2 [2003]: 189–208; Lebenswelten. Imaginationsräume der europäischen Literatur, Berlin/Boston 2013). Deshalb ist es ein nicht geringes Verdienst dieses Sammelbandes, die Möglichkeiten einer literaturwissenschaftlichen Begründung und Anwendung des Konzepts auszuloten.

Das Buch enthält neben der Einleitung insgesamt dreizehn Beiträge. Davon bieten fünf durchgängige und explizite Beziehungen zur “Lebenswelt,” indem sie die literaturtheoretischen Implikationen des philosophischen Konzepts entwickeln und/oder daraus literaturwissenschaftliche bzw. literaturdidaktische Konsequenzen ziehen (Lobsien, Matuschek, Löck, Oschmann, Köster). Einige Aufsätze beziehen ihre konkreten Untersuchungen in wichtigen Punkten explizit auf das Leitkonzept des Bandes (Haustein, Kaiser, Kurz). Eine letzte Gruppe (Hogrebe, Brauneis/Kindt, v. Petersdorff, Düsing, Sauerland) von Arbeiten enthält zwar implizite aber keine expliziten Bezüge zur “Lebenswelt.” Die Rezension legt das Schwergewicht auf die erste Gruppe, was keinerlei Abwertung der anderen bedeutet, wohl aber eine Fokussierung auf die konzeptbezogenen Beiträge.

Die Einleitung stellt in Bezug auf die Arbeiten von Gottfried Willems und Eckhard Lobsien zentrale Aspekte des Lebensweltbegriffs ebenso wie einige literaturtheoretische Schlussfolgerungen heraus. So fasst Lobsien literarische Kommunikation als “Ort lebensweltlicher Selbstreflexion” (10), Willems begreift sie als “Zuflucht des Lebensweltlichen” (ebd.). Beide stimmen darin überein, dass sie lebensweltliche Zusammenhänge als Orte einer selbstverständlichen und vortheoretischen Auffassung der Welt begreifen. Leider verzichtet die Einleitung auf kurze Präsentationen aller Beiträge mit Blick auf das Thema. Das hätte es dem Leser erleichtert, die Arbeiten ohne explizite Bezüge zur “Lebenswelt” auf den Leitgedanken zu beziehen. [End Page 297]

Was die erste Gruppe betrifft: Lobsien fragt zunächst, ob es zwischen lebens-weltlichen und literarischen Gegenständen hinsichtlich der Form der Erfahrung wichtige Differenzen gibt, erörtert sodann die Ingarden’schen “Unbestimmtheitsstellen” als solche Unterschiede, um schließlich doch im Phänomen der “Abschattung” als jeweils unvollkommene Erscheinung der Gegenstände in beiden Bereichen ein gemeinsames Moment zu sehen. Das wird am Beispiel der Raumdarstellung bei Raabe und Joyce gezeigt. In einer zweiten und abschließenden Gedankenbewegung fasst Lobsien den literarischen Text als “Globalzeichen,” das er in Beziehung zur Lebenswelt als “die uns allen gemeinsame,” also intersubjektive Welt und in diesem Zusammenhang zur “Einheit des Subjekts” (51) bringt.

Während der erste Teil sehr gut nachvollziehbar ist, ist die sich anschließende Argumentation recht abstrakt und literaturtheoretisch nur ansatzweise konkretisiert. Insgesamt erstaunt, dass Lobsien auf Konzepte wie das der Fiktionalität und der ästhetischen Autonomie, die bei der Erörterung der Beziehung von lebensweltlicher und literarischer Darstellung hilfreich gewesen wären, vollständig verzichtet.

Matuschek argumentiert durchgängig literaturnäher. Er setzt mit einigen präzisen Charakterisierungen des Lebensweltbegriffs ein, um daran anschließend seine grundlegende These zu formulieren, die Literatur zeige, darin liege ihre “spezifische Darstellungsleistung,” “die Welt, wie sie Menschen vorkommt,” Welt in der “personalen Perspektive” (59). Seine zweite These, er formuliert sie in Anschluss an Blumenbergs Auffassung der “Lebenswelt,” lautet, dass eine Affinität zwischen modernem Erzählen und prägenden Charakteristika der modernen Lebenswelt (Mannigfaltigkeit, Uneinsichtigkeit und Selbstverständlichkeit) bestehe. Dabei bezieht er am Beispiel Johnsons lebensweltliche Mannigfaltigkeit auf erzählerische Multiperspektivität, Uneinsichtigkeit bei Schnitzler auf den stream of consciousness und lebensweltliche Selbstverständlichkeit anhand Kafkas und Samjatins auf die Auflösung derselben bei ersterem und auf das utopische Schreiben des zweiten, der in seinem Roman Wir (1920) “den [utopischen, HS] Endzustand einer kollektivistisch rationalisierten Massengesellschaft” (70) als selbstverständliche Gegebenheit vorführt.

Die Stärke des Matuschek’schen Beitrags liegt vor allem darin, dass er das philosophische Konstrukt in concreto an Form und Inhalt literarischer Werke expliziert. Dabei kann er mithilfe des Fiktionalitätsbegriffs den für seine Argumentation wichtigen Abstand zwischen lebensweltlicher Erfahrung und literarischer Gestaltung fassen. Freilich ist es kaum denkbar, dass man im Umgang mit moderner Literatur immer nur mit den oben genannten Begriffen arbeitet. Das würde den Spielraum der Interpretation...

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