In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

Reviewed by:
Ernst Jünger. Von Thomas Amos. Berlin: Rowohlt, 2011. 157 Seiten. €8,99.

Thomas Amos’ Monographie zur Person und zum Werk Ernst Jüngers macht auf der Basis fundierter biographischer, literaturwissenschaftlicher und ideengeschichtlicher Analysen deutlich, dass die für Jünger eigentümliche Willkür im Umgang mit Weltanschauungen und deren Repräsentationen durch seine Werke für eine Existenz im Zeichen des “Zeitalter[s] der Ideologien” (K.F. Bracher, Das Zeitalter der Ideologien, Berlin 1981, 127-150) geradezu exemplarisch ist. Zutreffend schreibt Amos: “Die möglicherweise nicht ungefährliche Faszination, die von Jüngers Werk unbestreitbar ausgeht, ist von anderer Art. Wirksam wird dabei jene, vermutlich sehr deutsche Mischung von Irrationalismus und Nihilismus [ . . . ]” (133). Jüngers Positionen decken eine ganze Bandbreite von jeweils gewählten und dann wieder verworfenen Weltanschauungen ab. In seinem Frühwerk steht die heroisch ästhetizistische Darstellung des modernen Krieges im Zentrum. Zeitkonform erhebt Jünger in den 1930er Jahren den Ruf nach dem politischen Führer, den er als “großen Politiker der Zukunft” als “modernen Machtmenschen [ . . . ] im Maschinenzeitalter” definiert und dem er [End Page 326] zutraut, den richtigen Weg wählen zu können (G. Scholdt: Autoren über Hitler. Deutschsprachige Schriftsteller 1919-1945 und ihr Bild vom “Führer,” Bonn 1993, 34). Weitere Positionen zeigen sich in Jüngers Stilisierung des Arbeiters zum Übermenschen sowie in seiner Selbstinszenierung als Soldat beim Einmarsch nach Frankreich und dem Aufenthalt dort. Die schwer fassbare Botschaft der Marmorklippen deutet eventuell auf eine in “innerer Emigration” verfasste Systemkritik am NS-Staat hin (so jedenfalls J. Magenau in Brüder unterm Sternenzelt. Friedrich und Ernst Jünger, Stuttgart 2012, Klappentext). Nach einigen Exkursen in den Bereich der phantastischen Literatur zieht sich Jünger mehr und mehr in einen von ihm selbst errichteten Elfenbeinturm zurück und pflegt die Pose eines an Goethe angelehnten Klassikertums. Schließlich folgt ein Übertritt zum katholischen Glauben. Alle diese Positionen zeigen ein Aufgreifen bzw. ein unbedenkliches Verwerfen jeweils aktueller Wertvorstellungen, die aus dem Kosmos der traditionalen Ethik herausgelöst sind und zu dessen Ganzem keinen gültigen Bezug mehr haben: extreme, aber umgekehrte Positionen.

Amos weist andererseits auf zwei beständige Züge bzw. Einstellungen in Jüngers Biographie hin. Einerseits ist es seine distanzierte, geradezu an einen Mangel an Menschlichkeit grenzende Haltung zum Leiden der Mitgeschöpfe (vgl. 54ff.), in der Jünger die Ästhetik des Krieges im Vergleich zum Leiden der Betroffenen in den Vordergrund rückt. Amos belegt dies eindrucksvoll durch Zitate aus Jüngers Werk. Die sogenannte “Burgunder-Szene” (aus dem Zweiten Pariser Tagebuch, Eintrag vom 27. Mai 1944) kommentiert Amos folgendermaßen: “Die ausgefeilte Stilistik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dahinter reiner Nihilismus verbirgt, wobei dahingestellt bleibt, ob als Pose oder echte Überzeugung. Jüngers Ästhetizismus hat alle Skrupel abgeworfen” (109). Zum anderen ist es der experimentelle Umgang mit Drogen und Rausch. Bereits 1923 begann Jünger mit verschiedenen Drogen zu experimentieren, anfänglich mit Kokain, dann mit Opium, Haschisch, Meskalin und LSD. “Kein anderer deutscher Autor verfügte über eine derart umfassende Erfahrung mit Rauschmitteln, keiner äußerte sich dazu derart freizügig” (224). Angesichts des Versuches von Nietzsche, die Kluft zwischen der kosmologischen und der anthropologischen Gleichung der ewigen Wiederkehr in einer rauschhaften Bejahung des amor fati zu überwinden, überrascht in seinem von Nietzsche geprägten bewusstseins-geschichtlichen Umfeld diese Tendenz Jüngers nicht. Da eine wissenschaftlich prägnante Untersuchung von Nietzsches Philosophie erst durch Karl Löwith 1949 und 1956 erfolgt ist, geht es bei Jünger um ein Lebensgefühl, nicht um eine wissenschaftliche Bezugnahme auf Nietzsche.

Es gelingt Amos in seiner Monographie durchgängig, dem Leser—dem Kenner von Jüngers Werk ebenso wie dem damit nicht Vertrauten—sachliche, objektive Informationen zu dessen Vita im Rahmen der Zeitgeschichte und zu den damit korrespondierenden Werken zu vermitteln; darüber hinaus zeigt eine kritische, doch sachlich wohlfundierte Beurteilung dieser Werke sowohl auf ethisch-humanitärer als auch auf literaturkritischer Basis ein sicheres und treffendes Urteil: “Wie für jedes Werk sollte sich auch bei Jünger die dreifache Frage nach Modernität, Qualität und Aktualität stellen. Jünger ist insofern modern, als er mit sicherem Gespür Avantgarden...

pdf

Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 326-328
Launched on MUSE
2014-06-06
Open Access
N
Back To Top

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website. Without cookies your experience may not be seamless.