Historizität und Klassizität: Christoph Martin Wieland und die Werkausgabe im 18. Jahrhundert by Peter-Henning Haischer (review)
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Peter-Henning Haischer, Historizität und Klassizität: Christoph Martin Wieland und die Werkausgabe im 18. Jahrhundert. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2011. 416 S.

Peter-Henning Haischers material- und kenntnisreiche Dissertation analysiert die Editionsprinzipien von Wielands Sämmtlichen Werken (1794–1811) mit Blick auf die sich wandelnde Editionspraxis des 18. Jahrhunderts. Die formale Konzeption der monumentalen Werkausgabe soll dabei als historisch neuartiger, auch von ökonomischen und juristischen Faktoren geprägter Versuch lesbar gemacht werden, “den Prozeß der Selbstkanonisierung” bereits “zu Lebzeiten” (94) Wielands abzuschließen.

Anhand exemplarischer Analysen von Ausgaben der Werke Wernickes, Canitz’, Opitz’, Hagedorns, Hallers, J. E. Schlegels und Lessings entwickelt Haischer die These, dass Werkausgaben des 17. und 18. Jahrhunderts anfänglich weniger auf die “Kanonisierung eines dichterischen Lebenswerks” abzielten. Zunächst seien sie als “praktische Poetik” (15) angelegt, sollen also sprachlich und formal vorbildliche Muster für zukünftige dichterische Produktion bereitstellen. Für spätere Herausgeber ergebe sich die Schwierigkeit, dass die an sprachlich-stilistische Mustergültigkeit gebundene Kanonizität eines Autors die Aktualisierung von dessen Texten nach zeitgenössischen Standards erforderlich mache, die Autorität eines kanonischen Dichters aber letztlich keine von diesem selbst nicht legitimierten Texteingriffe mehr gestatte—ein editorisches Problem poetologisch orientierter Ausgaben, das sich mit dem Aufkommen von Originalitätsdenken und Genieästhetik zusätzlich verschärfe. Zudem zeigt Haischer, dass Werkausgaben im Laufe des Jahrhunderts tendenziell zum Dokument der Entwicklungsgeschichte eines Autors stilisiert werden, woraus sich ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen Historizität und Klassizität ergebe.

Der zweite Teil umreißt in Bourdieuscher Terminologie einen Wandel normativer Autorbilder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mit der Abwendung [End Page 290] vom Mäzenatentum, der Ausbildung eines bürgerlichen Publikums und dem Aufkommen einer aufklärerischen Wirkungsästhetik sei es für Dichter nicht länger ehrenrührig gewesen, auch ökonomisches Kapital aus dem eigenen Schreiben zu ziehen. Der Verbesserungsästhetik, die Haischer im Anschluss an die Arbeiten von Steffen Martus versteht, komme eine Schlüsselposition im Kampf um symbolisches und ökonomisches Kapital zu, weil die poetologisch begründbare Variante in der Debatte um den Nachdruck zum ökonomischen Faktor werde. Der ältere, auf Arbeit gegründete Kunstbegriff der Verbesserungsästhetik habe sich gegenüber dem auf Originalität gegründeten Eigentumsbegriff auch deswegen so lange behaupten können, weil er ökonomische Interessen besser habe legitimieren können (123–24).

Haischers erhellende Darstellung unterschiedlicher Ausgabentypen, sowie seine allerdings von recht disparatem, eher stichprobenartig beleuchtetem Material ausgehenden Überlegungen zum problematischen Verhältnis von Klassizität und Ökonomie sollen explizit nur exemplarische Analysen bieten. Das Changieren zwischen systematischer und chronologischer Darstellung macht den Nachvollzug der Argumentation allerdings zuweilen recht mühsam, zumal einige Schlüsselbegriffe der Arbeit nur beiläufig oder gar nicht definiert werden und sich eine die Fülle der Einzelergebnisse organisierende Perspektive erst gegen Ende der Arbeit abzeichnet.

Im dritten Teil der Arbeit wird Wielands Position im literarischen Feld mit Blick auf die Ergebnisse des ersten Teils umrissen. Wieland integriere zwar Elemente der Genieästhetik, im Zentrum seiner praktischen Poetik stehe jedoch die an Horaz orientierte Verbesserungsästhetik. Im Streben nach Kanonizität bei gleichzeitiger ökonomischer Unabhängigkeit bleibe Wieland dem “klassizistischen Autorbild verpflichtet, das ihn auf gesellschaftliche Wirkung festlegt, ohne sich dazu an den herrschenden Geschmack anpassen zu müssen” (182). Horaz werde dabei auch durch seine Lebensweise zur “Identifikationsfigur” (191).

Im vierten Teil werden Wielands Bemühungen um Vermehrung und Verstetigung seines symbolischen und ökonomischen Kapitals anhand der Beziehungen zu seinen Verlegern dargestellt, wobei Haischer der an Ungern-Sternberg anknüpfenden, sachkundigen Aufarbeitung des Rechtsstreits zwischen Wieland/Göschen und der Weidmannschen Buchhandlung unter anderem dadurch neue Aspekte abgewinnt, dass er die von den jeweiligen Parteien ins Feld geführten Argumente ästhetikgeschichtlich kontextualisiert. Auch hier zeigt sich die zentrale Rolle der Verbesserungsästhetik, deutlich wird zudem, wie unklar die Rechtslage tatsächlich war. Damit ist die Grundlage für die im fünften Teil formulierte These gelegt, dass der Rechtsstreit mit seiner eigentümlichen Verschränkung ästhetischer und ökonomischer Argumentationsstrategien auch die Textkonstitution der Sämmtlichen Werke beeinflusst habe. In zweierlei Hinsicht sei Wielands abschließende Redaktion “weniger ein idealer denn ein ökonomisch notwendiger Abschluß von Wielands Arbeit am Text” (273...


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