Die Geschichte der Faust-Forschung: Weltanschauung, Wissenschaft und Goethes Drama by Rüdiger Scholz (review)
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Rüdiger Scholz, Die Geschichte der Faust-Forschung: Weltanschauung, Wissenschaft und Goethes Drama. Würzburg: Königshausen und Neumann, 2011. 906 pp.

Der profilierte, kritische Goethe-Forscher Rüdiger Scholz legt nun eine gründlich recherchierte, gut lesbare und höchst lesenswerte Geschichte der Faust-Forschung vor. Das ausufernde Material ist umfassend, klar und präzise auf über 900 (!) Seiten in zwei Teilbänden präsentiert, in denen zunächst die “Grundlinien” der Resultate der Faust-Forschung zusammengefasst (20–54), dann ein “idealistischer Ansatz” (Schelling, Hegel) mit Konsequenzen für die Forschung (55–72) und “Goethe-kritische Faust-Interpretationen” dargestellt werden (73–96). Den Hauptteil bildet ein detaillierter, chronologisch und thematisch gegliederter Durchgang von den “Interpretationen des langen 19. Jahrhunderts” (104–270) bis zu “Faust im globalen Kapitalismus” (599–797) und abschließenden Gedanken zur “Faustforschung am Scheideweg” (798–805); es folgen ein Literaturverzeichnis von mehr als 1500 Titeln, ein sehr nützliches Namensregister und weitere Illustrationen. (Diese sind in Farbe und entstammen dem Goethezeit-Portal.) Journalistische Würdigungen oder Kritik und Nachempfundenes in belletristischer Form—etwa von Goethe-Gesellschaften, Museen und Gedenkstätten—bleiben, gottseidank, weitgehend außen vor. In dieser Hinsicht interessieren jedoch Scholz’ Ausführungen zur “Faust-Kultur” der Gegenwart, den neueren Faust-Inszenierungen, Faust in der Musik, in den bildenden Künsten und der Germanistik. Seine eigene Forschungs-Position umreißt Scholz eindeutig und ehrlich: es geht ihm um eine historisch gesellschaftliche, eine sozialgeschichtliche Interpretation des literarischen Textes.

Faust ist unbestritten ein Werk der Weltliteratur; das Drama hat jedoch bei der Wertung des Titelhelden und seiner Geschichte höchst widersprüchliche Auslegungen erfahren, was die Rezeptionsgeschichte so facettenreich macht und noch immer unser Interesse beansprucht. Rüdiger Scholz legt keinen trockenen Forschungsbericht vor, wie ihn so viele beflissene neuere Dissertationen zum Faust-Drama und zu Goethe liefern, sondern eine profunde Darstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse. Er referiert und diskutiert die weltanschaulichen Positionen in der (akademischen) Interpretation mit wissenschaftlichem Anspruch. Er orientiert sich in seinem Überblick über die gesamte Forschung an [End Page 260] “den wissenschaftlichen Voraussetzungen der Interpreten und Interpretinnen, [die sich überall zeigt] in ihrer Weltanschauung, ihrer Auffassung von Kunst allgemein und von Goethes Faust im besonderen, in ihren Fragestellungen und Zielen, in der Beschaffenheit ihrer Begriffe und Argumente . . . [und darin] wie Goethes Drama in den Gesamtzusammenhang der Geschichte gestellt wird” (16). Es ist zugleich “ein wissenschaftliches Werk und ein politisches Buch” (18).

Aus der Materialfülle greife ich die (heute wohl am meisten interessierenden) Abschnitte zur Faust-Literatur von der Studentenrevolte bis zur Wiedervereinigung und zur Gegenwart heraus. Scholz sieht zu recht den Beginn der sozialgeschichtlichen Forschung in den 1970 er Jahren als Neuansatz nach dem Niedergang der Faust-Forschung unter dem “Seinsgeraune von Emrich bis Staiger” (492), den Stoffsammlungen wie etwa bei Eudo C. Mason, der “Hilflosigkeit in Themenstellung und Kategorien” (499) bei Katharina Mommsen und der Flucht ins Kunstwerk. Scholz würdigt durchaus den Gewinn für die Forschung aus akribischem Detailwissen (Erich Trunz, Victor Lange, Werner Keller u.a.), problematisiert jedoch die weitgehende Identifizierung des Dramas in der werkimmanenten Interpretation und auch bei den materialistischen Interpreten der DDR mit seinem Autor, die zur Verabsolutierung von Goethes Weltbild, seiner Progressivität und seines Dichtungsbegriffes geführt habe. Besonders treffend und analytisch sind dann Scholz’ kritische Ausführungen zu Neuansätzen in den achtziger Jahren, zur Debatte um Fausts Titanismus, zum Frauenbild, zur anthroposophischen Faust-Verherrlichung und zu neuen Wegen in der Faust-Forschung der DDR. Mit der sozialgeschichtlichen Perspektive (Schlaffer, Metscher, Engelsing, Hans Mayer, Zehl-Romero, Jens Kruse u. a.) wurde “die Immanenz von Goethes Dichtungstheorie als verbindlicher Auslegung verlassen” (595), sie führte zur Historisierung des Dramas hin und ermöglichte auch psychoanalytische Zugänge (u. a. die Rezeption Kurt Eisslers). Rüdiger Scholz’ eigener Beitrag zu dieser Wende, Die beschädigte Seele des großen Mannes (1993, 3. Ausgabe 2011), hat diese Wende mit herangeführt, auch wenn der Autor seine geringe Würdigung in der etablierten, akademischen Faust-Forschung beklagt, jedoch nicht seine hier vorliegende Geschichte der Faust-Forschung dazu benutzt, sich großartig selbst in Szene zu setzen. (Dabei hätte er durchaus von Goethes Selbstdarstellung lernen können). Den in der Goethe-Forschung...