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Zu Goethe und der Islam—Antwort auf die oft aufgeworfene Frage: War Goethe ein Muslim?

From: Goethe Yearbook
Volume 21, 2014
pp. 247-254 | 10.1353/gyr.2014.0016

In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

Zu Goethe und der Islam1—Antwort auf die oft aufgeworfene Frage:
War Goethe ein Muslim?

Zwei berühmte Aussagen Goethes erregen immer wieder Verwirrung in den Medien und lösen, besonders auf dem Tummelplatz des Internets, Missverständnisse über das Verhältnis des Dichters zum Islam aus.2 Die Irritationen und falschen Auslegungen entstanden dadurch, dass man diese Aussprüche aus dem Kontext gerissen zitiert hat. So zu verfahren, ist immer riskant; man sollte es grundsätzlich vermeiden, ich gestehe jedoch, selber gelegentlich aus dem Kontext gerissene Zitate verwendet zu haben, so auch in diesen beiden Fällen, ohne die bedauernswerten Folgen vorauszusehen. Das veranlasst mich nun, den dadurch unbeab sichtigt verursachten Fehldeutungen durch entsprechende Texterläuterungen entgegen zu wirken. Das erste Zitat lautet:

“Der Verfasser [des West-östlichen Divan] lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei”

Dieser verfängliche Satz stammt aus Goethes erster namentlich unterzeichneter Selbstanzeige zur öffentlichen Ankündigung des West-östlichen Divan in der von seinem Verleger Cotta herausgegebenen Augsburger Zeitung Morgenblatt für gebildete Stände. Dort lenkte Goethe im Februar 1816 die Aufmerksam keit der Leser auf den damals noch gar nicht erschienenen Westöstlichen Divan, von dem er einige Kostproben im Voraus veröffentlichte. So zunächst die erste Stro phe des großen Einleitungs gedichts Hegire, die er zitiert, um dann zur Erläuterung dieser Verse hinzuzufügen:

Der Dichter betrachtet sich als einen Reisenden. Schon ist er im Orient angelangt. Er freut sich an Sit ten, Gebräuchen, an Gegenständen, religiösen Ge sinnungen und Meinungen, ja er lehnt den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmann sei. In solchen allgemeinen Verhältnissen ist sein eignes Poetisches verwebt, und Gedichte dieser Art bilden das erste Buch unter der Rubrik Moganiname, Buch des Dichters.3

Die strittige Wendung “. . . daß er selbst ein Muselmann sei,” wird oft und gerne aus diesem sehr sorgfältig gebauten gesamten Absatz herausgelöst, besonders in den öffentlichen Medien. So heisst es z.B. in einem Essay von Manfred Osten, den die Neue Zürcher Zeitung vom 17. Mai 2002 auf ihrer Titelseite unter der Überschrift War Goethe ein Mohammedaner? veröffentlichte: “Goethe setzte sich mit dem ‘West-Östlichen Divan’, seiner Reverenz [End Page 247] an den Orient, bewusst dem Verdacht aus, selbst ein ‘Muselmann’ zu sein. Immerhin erklärt er in seiner ‘Divan-Ankündigung’, er lehne den Verdacht nicht ab.” Ähnlich vereinfachend erscheint das bloße Zitat im World Wide Web nicht nur auf Deutsch sondern auch auf Englisch: “The poet does not refuse the suspicion that he himself is a Muslim.”4

Dieser aus dem sprachlichem Umfeld herausgelöste Ausspruch hat viele Muslime zu der Annahme veran lasst, Goethe sei insgeheim ein Muslim gewesen, der es nur aus äußeren Gründen nicht habe riskieren können, offiziell vom Christentum zum Islam zu konvertieren. Dass dies eine Fehlinterpretation von Goethes Äußerung ist, möchte ich nach jahrzehntelangem Studium des Dichters ausdrücklich versichern. Einzig durch die Isolierung und Herauslösung des Zitats aus seinem Umfeld kam dieses Missverständnis zustande. Doch seine eigentliche Bedeutung ist klar zu erkennen, wenn man den gesamten Absatz in aller Ruhe mit gebotener Gründlichkeit liest.

Goethe geht dort von dem Einleitungsgedicht Hegire aus, das seinen geistigen Aufbruch zum ‘Orient’ be kundet. Zwar hatte er islamische Länder nie selber bereist, aber durch Reisebeschreibungen, Expeditionsberichte und sonstige einschlägige Literatur, besonders durch intensives Studium der großen Dichter dieser Region, verblüffend genaue Kenntnisse ihrer Länder gewonnen, einschliesslich ihrer Herrschaftsverhältnisse, Geschichte und religiösen Einrichtungen. Überdies war er in Weimar Muslimen begegnet, die er als Gäste in seinem Haus empfing. Jedenfalls imaginierte er sich als Dichter des West-östlichen Divan in der Rolle eines “Reisenden,” der sich so verhält, wie es einem Reisenden im fremden Land geziemt, d.h. er passt sich den Verhältnissen des Landes an, entsprechend dem Ratschlag “When in Rome, do as the Romans do,”5 dem man hinzufügen könnte:—“and when in Schiras, do likewise.”

Wie aus seiner Italienischen Reise bekannt, hat Goethe sich in Italien weitmöglichst der Lebensart der Italiener angepasst, z.B. ihre Art des Flanierens...