Franz Kafka: The Ghosts in the Machine (review)
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Reviewed by
Franz Kafka: The Ghosts in the Machine. By Stanley Corngold and Benno Wagner. Evanston, IL: Northwestern University Press, 2011. 273 pages. $34.95.

Nachdem Stanley Corngold und Benno Wagner im Jahr 2009 die englische Ausgabe von Kafkas Office Writings publiziert haben (mit Jack Greenberg; die deutschspra-chige Ausgabe der Amtlichen Schriften hat Benno Wagner mit Klaus Hermsdorf 2004 herausgegeben), ist nun mit The Ghosts in the Machine (2011) ein Band mit eigenen Aufsätzen der beiden Kafka-Spezialisten erschienen. Die meisten der Beiträge gehen auf frühere Publikationen an verstreuten Orten zurück; sie wurden für die vor-liegende Ausgabe überarbeitet und ergänzt. Inszeniert wird im Wechselspiel der Aufsätze ein Gespräch zwischen zwei eminenten Kafka- Forschern, aber auch zwischen Forschungskulturen und Forschungsgenerationen. Der inszenierte Dialog bedarf nicht der Einstimmigkeit im Einzelnen; er hält das Gespräch in spannungsreicher Schwebe. Corngold hat seine erkennbaren epistemologischen Parameter, Wagner hat die seinen, [End Page 446] und es besteht ein offenkundiger kollegialer Konsens, in dem Schwerpunktsetzungen wie Übereinstimmungen gleichermaßen Platz finden.

Das Buch umfasst, nach den einleitenden Passagen und Ritualen, zehn Kapitel; die ersten sechs fokussieren jeweils primär einen Text Kafkas—unter Beachtung der Werkchronologie—, die restlichen vier sind thematisch orientiert. Damit sind jedoch lediglich Gewichtungen benannt; tatsächlich handeln alle zehn Kapitel von der Er-möglichung der Texte Kafkas aus den diskursiven, institutionellen und sprachlichen Bedingungen, unter denen sein Schreiben sich vollzieht.

“The ghost in the machine”: Das Bild wurde seinerzeit von dem britischen Philosophen Gilbert Ryle eingeführt, um Descartes’ Dualismus von Geist und Körper zurückzuweisen. Der Titel von Corngolds /Wagners Buch zitiert diese Dualismus- Polemik und verschiebt sie in andere Felder. Der Plural von “ghost” betont das Un-heimliche in der Semantik des Begriffs; und wo Gespenster umgehen, kann auch die “Maschine” nicht mehr einfach den (ausgedehnten, extrakulturellen, extratextuellen) Körper meinen. In der Tat arbeiten die Aufsätze des Bandes an der Dynamisierung von Dualismen, die für Kafkas Werk relevant sind (auf viele hat schon die bisherige Kafka- Forschung hingewiesen); vor allem aber—darin liegt das besondere Verdienst dieses Buches—arbeiten sie daran zu zeigen, dass diese Dynamisierung in Kafkas Texten selbst schon auf einzigartige Weise geschieht. Sei es die Opposition von Kreativität und Apparatur, von Individualität und Statistik, von Exzeptionalität und Normalität, von beruflich-institutionellem und literarischem Schreiben, jene von Musik und Literatur, von Körper und Schrift oder von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit: Stets zielen die Aufsätze auf jene Prozesse und Verfahren, die in Kafkas Texten und in ihrer Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Diskursen am Werk sind und aus denen die Texte ihr literarisches Potential gewinnen. Corngolds Beiträge wurzeln eher in lite-raturwissenschaftlichen, Wagners Texte eher in kulturwissenschaftlichen Ansätzen; aber auch dieser Dualismus wird von beiden Autoren dynamisiert: Corngold bezieht in seine ebenso gewandten wie präzisen Textlektüren vielfältige diskursive Kontexte ein; Wagner hält das Primat des literarischen Texts bei aller Eindringlichkeit der Diskursverflechtung aufrecht (vgl. Wagners Bemerkung hierzu am Anfang von Kapitel 4).

Stanley Corngolds Aufsätze kreisen insgesamt um den “Schriftsteller”—Kafkas Selbstbezeichnung als Autor (nicht etwa “Dichter”)—und das Schreiben als Reflexion der Bedingungen von Schreiben. Die Texte zeigen Kafka als Schriftsteller, der profes-sionell mit jenen Diskursen der Moderne befasst ist, die sein literarisches Schreiben in der Absetzung, vor allem aber in der Transformation prägen. Prominent und über-zeugend leistet dies Corngolds Aufsatz “The Ministry of Writing” mit Blick auf den Schloss-Roman. Zur Schreibreflexion gehören im Weiteren, wie Corngold eindring-lich zeigt, Kafkas Äußerungen zur “Musik” wie auch zur Sexualität und zur Gnostik. In “Kafka and Sex,” wo Sexualität als fragwürdiges Bild der Text‘vaterschaft’ bzw. ‘-mutterschaft’ bedacht wird, spricht Corngold von einem “repertoire of cultural codes that fill each of Kafka’s stories and novels” (was anderswo “Diskurse” heißen würde): Kafka aktiviere viele dieser Codes (u.a. Homosexualität, das auf S. 149 gerade aktu-elle Beispiel), aber nicht, um diese zu ‘meinen,’ weder biographisch noch textintern, sondern als “cultural allegories.”

Damit ist ein Problem angesprochen, das die Kafka-Forschung (und natürlich nicht nur sie) seit jeher...


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