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Briefe. Historisch-kritische Ausgabe (review)

From: Goethe Yearbook
Volume 19, 2012
pp. 273-275 | 10.1353/gyr.2012.0030

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Reviewed by
Johann Wolfgang Goethe, Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Im Auftrag der Klassik Stiftung Weimar Goethe- und Schiller-Archiv hg. v. Georg Kurscheidt, Norbert Oellers, Elke Richter. Band 6: Anfang 1785–3. September 1786 (Band 6 I: Text, XXI + 303 S., Band 6 II: Kommentar, XLIV + 683 S.). Hg. v. Volker Giel unter Mitarbeit von Susanne Fenske und Yvonne Pietsch. Berlin: Akademie-Verlag, 2010.

Seit etwa 50 Jahren ist eine historisch-kritische Ausgabe der Briefe Goethes geplant. Zu DDR-Zeiten aus ideologischen Gründen ad acta gelegt, wurde das große Vorhaben bereits kurz nach der politischen Wende wieder aufgegriffen. Nach langen Vorarbeiten konnten 2008 die Bände 1 und 2 dieser Ausgabe erscheinen, nur zwei Jahre später wurde nun der hier zu besprechende Band 6 vorgelegt. Dieser umfasst in einem Textteil 377 Briefe, 88 nicht erhaltene (“erschlossene”) Briefe sowie neun amtliche Schreiben, verfasst in der Zeit von Anfang 1785 (der erste Brief lässt sich nicht exakt datieren) bis zum 3. September 1786: den letzten Brief schickt Goethe unmittelbar vor dem Antritt seiner fast zweijährigen Reise nach Italien aus Karlsbad ab. Die Gegenbriefe sind nicht in diese Ausgabe aufgenommen, da sie getrennt in der Regestausgabe erschlossen werden (http://ora-web.weimar-klassik.de/swk-db/goeregest/index.html).

Die Edition versteht sich insgesamt als eine Erneuerung der alten, 1887 eröffneten Weimarer Ausgabe (WA): sie bietet Zugang zu erheblich mehr Briefen (ca. 15.000 statt nur 13.400), sie ist in der Wiedergabe zuverlässiger, weil sie für die Transkription auf mehr Originale zurückgreifen kann, und sie bietet zu jedem Textteil in einem separaten Band einen umfangreichen Kommentar auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Vorbereitet wurde diese Ausgabe durch das Repertorium der Briefe Goethes (online abrufbar unter http://ora-web.swkk.de/swk-db/goerep/index.html). Dort sind “sämtliche überlieferten Goethe-Briefe erfaßt und die Aufbewahrungsorte der Handschriften einschließlich von Schemata, Konzepthandschriften sowie von textkritisch relevanten Abschriften ermittelt [. . .]” (ebd.). Das Repertorium wird in Zukunft vor allem um die Digitalisate der Originalbriefe ergänzt werden. Dies ist wichtig, weil die Briefe Goethes nicht alle an einem Ort versammelt sind. Das Repertorium und die historische-kritische Ausgabe der Briefe werden daher in ihrer wechselseitigen Ergänzung die mit den derzeitigen technischen Mitteln beste Einsicht in den überlieferten Bestand bieten.

Von der Vielzahl der Adressaten und der Inhalte in dem vorliegenden Band lässt sich hier kaum ein Begriff geben. Die Lektüre zeigt Goethe in der ganzen Vielfalt seiner täglichen Beschäftigungen, seien sie amtlicher, wissenschaftlicher, philosophischer, künstlerischer oder rein persönlicher Art. Das Gros der Briefe [End Page 273] entfällt auf Charlotte von Stein, zahlreiche Nachrichten hauptsächlich kleineren Formats wurden zwischen den beiden ausgetauscht. Goethe empfindet Charlotte, die er bereits zehn Jahre zuvor in Weimar kennen gelernt hatte, als eine ideale Seelenpartnerin, daher sind die an sie gerichteten Worte stets von größter Innigkeit. Zu weiteren wichtigen Briefpartnern zählen z.B. der Anatom und Physiologe Samuel Thomas Soemmering sowie der Kanzleisekretär Johann Heinrich Merck, mit denen Goethe sich über Fragen der vergleichenden Anatomie und insbesondere seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen austauscht. Mit dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi disputiert er über Spinoza und den Pantheismus. Goethes großes musikalisches Interesse ist in den Briefen an den Musiker und Komponisten Philipp Christoph Kayser dokumentiert.

Als “Briefe im Sinne der Ausgabe” gelten den Herausgebern “alle von Goethe verfassten, d.h. eigenhändig geschriebenen, diktierten oder inhaltlich vorgegebenen, an einen oder mehrere Adressaten gerichteten schriftlich überlieferten Texte. Sie müssen persönliche Mitteilungen enthalten und durch die nachweis-bare Tatsache oder die Absicht der Zustellung die Funktion von Briefen erfüllen” (Bd. 6.2, S. XI). Diese Definition erscheint in zweierlei Hinsicht etwas zu rigide. Erstens was die Trennung von persönlichen und amtlichen Schreiben betrifft: Briefe an Herzog Carl August, die vorwiegend Mitteilungen über Persönliches enthalten, werden im Briefteil abgedruckt. Wenn ein Schreiben an den Herzog jedoch keinerlei persönliche, sondern nur eine amtliche Mitteilung enthält, erscheint es im Anhang der amtlichen Briefe. Letzteres geschieht jedoch lediglich aus Gründen der Tradition, weil es sich bei diesen Briefen um die “in der Briefabteilung der WA...