Komische Lyrik—lyrische Komik. Über Verformungen einer formstrengen Gattung (review)
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Komische Lyrik—lyrische Komik. Über Verformungen einer formstrengen Gattung. Von Hans-Georg Kemper. Tübingen: Niemeyer, 2009. 256 Seiten. €49,50.

Als “Satyrspiel” (IX) zu seinem zehnbändigen Opus Magnum Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit legt Hans-Georg Kemper, überdies Verfasser einschlägiger Studien zu Trakl, dem Expressionismus und Dadaismus, nun ein Werk über komische Lyrik vor. Eine dem Vorwort vorangestellte Friederike Kempner-Parodie Kempers signalisiert, dass hier “Fröhliche Wissenschaft” betrieben werden soll. Doch umgehend formuliert [End Page 441] das Vorwort auch einen sehr ernst zu nehmenden Anspruch: “In Drama und Epik gibt es seit der Antike ein hoch respektiertes, vielseitiges und vitales komisches Genre, in der Lyrik dagegen gilt das Komische—von wenigen Ausnahmen abgesehen—als oberflächliche und minderwertige Verseschmiederei, die im ‘Tempel der wahren Dichtkunst’ nichts zu suchen hat. Der vorliegende Band möchte dagegen zeigen, daß das Komische sogar zu seinen tragenden Säulen gehört” (IX). Was aber ist das für eine Säule und was für ein Tempel?

Komik bestimmt Kemper zunächst unter Rekurs auf Schopenhauer als “wahrgenommene Inkongruenz zwischen (konventioneller) Erwartung und deren plötzlicher Umkehrung oder Durchbrechung” (1), ergänzt dies jedoch durch die pragmatische Definition einer “Befähigung, andere [ . . . ] in heitere Stimmung zu versetzen oder zum Lachen zu bringen” (2). Damit ist sie eine kulturgeschichtliche Variable: “Komik früherer Epochen bedarf der Erläuterung, und die Forschung kann deshalb auch umgekehrt die Komik als Anlaß und Gegenstand der Untersuchung früherer Kulturmuster heranziehen. Das ist wichtig für die sowohl typologisch als auch historisch angelegte Konzeption der vorliegenden Studie” (2). Ziel ist es, “die Divergenzen in den Texten aus verschiedenen Epochen [ . . . ] anschaulich zu erkunden und gegebenenfalls auch auf divergente Komik-Begriffe zu bringen, zumal auf solche, die im Horizont der jeweiligen Zeit und ihrer Autoren lagen” (5). Drei Konzepte des “Komischen” (bei Kemper synonym mit “Komik”) werden kurz vorgestellt: Bei “Theorien der Herabsetzung” geht es, erstens, um das Verlachen des “Unschicklichen und Häßlichen” (Aristoteles, Cicero) oder des “Mechanischen” (Bergson) (5); bei “Theorien der Heraufsetzung” geht es, zweitens, um eine Stärkung der “Lebensgeister” (Hobbes, Hutcheson) oder gar um das “Spiel des souveränen Geistes” (5), wobei Hegel die “Verletzung von Sittlichkeit und moralischer Welt” ausschließt, während Komik nach Friedrich Theodor Vischer gerade im Angriff auf “wahre Größe” ihre Souveränität beweist (6). Drittens ergänzt Kemper die Schopenhauer’sche Inkongruenztheorie durch Joachim Ritters “Komplementärtheorie” (das Unvernünftige und Unordentliche als definitorisch notwendiger Gegenbereich zu Vernunft und Ordnung, 6f.) und um die “Kipptheorien” von Wolfgang Preisendanz (im Sinn von Kontextwechsel) und Wolfgang Iser (im Sinn von Sinn-Zersetzung, 7).

Für “Poesie” (bei Kemper synonym mit Lyrik) werden zunächst zwei historisch wirkungsmächtige Konzepte umrissen: die “[g]enormte Poesie” versierter Verseschmiede und “Poesie als Zauberkunst” inspirierter Dichter-Seher (18f.). Doch bietet Kemper auch eine Definition von Lyrik als “formdominant ‘verdichtete’ (Vers-)Rede” (40). Das bedeutet keine Entscheidung für das Modell der “genormten Poesie,” galt doch gerade die Form durchgehend als Garant gelingender Wortmagie (41f.), und auf das magische Poesieverständnis konzentriert sich auch Kempers Schnelldurchlauf von Klopstock bis Horkheimer, der beweisen soll, dass der Ernst im Selbstverständnis der Lyrik, abgesehen von jüngsten Vermischungstendenzen, meist “tonangebend” war (9–11).

So erklärt sich, warum Komik und “wahre Lyrik” oft als unvereinbar galten und gelten. Kemper sieht aber nun, offenbar in Analogie zu Ritters Komplementärtheorie, eine dialektische Bezogenheit: “Erst wenn Gott die Welt und ihre Ordnung geschaffen hat, kommt auch der Teufel als destruktive Kippfigur auf die Welt, erst wenn der Ernst etabliert ist, kann die Komik als Zerrspiegel dienen” (8). Die Verzerrung bzw. das “Verformen oder ‘Biegen’ von formdominant verdichteten Merkmalen der Vers-Rede” [End Page 442] (43) kann dabei sowohl intentional als auch unfreiwillig komisch sein, Letzteres insbesondere bei mangelnder Beherrschung der Mittel oder hitziger Überreizung der sprachlichen und formalen Möglichkeiten. Verzerrend kann aber auch historischer Abstand wirken, der Form und Inhalt als befremdend und/ oder inkongruent erscheinen lässt.

Das aber bedeutet: Komische Lyrik ist für Kemper vor allem (gegebenenfalls unfreiwillige) Parodie, wenn auch in einem sehr weiten Verständnis. Dieser Ansatz führt zu etlichen schönen...


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