Die poetische Erkundung der wirklichen Welt. Literarische Epistemologie (1800–2000) (review)
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Die poetische Erkundung der wirklichen Welt. Literarische Epistemologie (1800–2000). Von Christian Kohlross. Bielefeld: transcript, 2010. 230 Seiten. €28,80.

Die Struktur des anzuzeigenden Buches verdankt sich dem Versuch, ein in der Einleitung entwickeltes literaturtheoretisches Programm—das Programm einer Literarischen Epistemologie, hierzu unten mehr—in die interpretatorische Praxis umzusetzen. Tatsächlich entwickeln die nachfolgenden 13 Kapitel zentrale Gedanken aus der Einleitung weiter oder führen sie anhand von konkreten Beispielen weiter aus. Dadurch erreicht Kohlross mit seinem Buch ein gewisses Maß an argumentativer Geschlossenheit, obwohl nicht weniger als acht Kapitel, also mehr als die Hälfte des Buches, bereits an anderer Stelle und in anderen Zusammenhängen veröffentlicht worden waren. So geschlossen das Buch indes im Ganzen erscheint, so wenig kohärent und leider für den Rezensenten auch wenig überzeugend erscheint es im Einzelnen.

Kohlross versteht unter “Literarischer Epistemologie” einen um 1800 situierten Gegenentwurf zur philosophischen Erkenntnistheorie (13). Herder, Novalis, Schiller, Kleist und Büchner—die Protagonisten mehrerer der einschlägigen Kapitel dieses Buches—hätten, so Kohlross, eine Literarische Epistemologie entworfen, um der “Selbsttransparenz” (16) des literarischen Erkenntnisaktes zur Geltung zu verhelfen und so die schon in der Antike aufgeworfene Frage, ob “Dichtung nicht mehr und anderes sein könne als bloß Erfundenes, Ausgedachtes” (7), positiv zu beantworten. An ein solches, in der Einleitung in groben Zügen skizziertes poetologisches Modell ästhetischen Verstehens knüpft Kohlross nun an, indem er in dezidierter Kritik an der (!) Philologie konstatiert, diese habe im Zuge der Entwicklung der Disziplin sich zunächst der “Theologie” zugewandt (da auch sie über Wahrheit spreche, ohne an die Wahrheit glauben zu müssen) (10), dann aber zur reinen Historie. Die Frage nach der Wahrheit des Wirklichen in der Literatur—jene Frage also, die Kohlross als Kernfrage der Literarischen Epistemologie ausmacht—sei somit in der Literaturwissenschaft beiseite geschoben worden. Stattdessen sei es der Literaturkritik überlassen worden, ästhetische Urteile über Wahrheiten zu sprechen—eine Entwicklung, die Kohlross nun umzukehren sich anschickt.

Nun verbirgt ein solch knapper Abriss der Wissenschaftsgeschichte der Literaturwissenschaft der letzten 200 Jahre, wie Kohlross ihn in der Einleitung bietet, nicht seine durchaus erfrischende polemische Absicht, die aber dennoch nicht übersehen lassen kann, dass Kohlross wesentliche Tendenzen innerhalb der Literaturwissenschaft [End Page 454] ausblendet—wie etwa die Debatte über ästhetisches Urteil und Kanonbildung oder auch die weit ausdifferenzierte Hermeneutik. Die Differenzierung etwa von “Sinn” und “Bedeutung,” die Kohlross unter Bezug auf Gottlob Frege einführt (24), ist ein zentraler Bestandteil literaturwissenschaftlicher Hermeneutik. Kontextualisierung muss nicht Verzicht auf Interpretation bedeuten, wie zuletzt Ralf Konersmann (Kulturelle Tatsachen, Frankfurt/M. 2005) gezeigt hat. Bereits die Hermeneutik Friedrich Schleiermachers ermöglicht es, die Analyse von Kontexten als Bestandteil, nicht als Gegensatz der hermeneutischen Operationen zu begreifen.

Stimmt also schon die in der Einleitung vorgebrachte Beschreibung des Forschungsdesiderats skeptisch, so bleibt doch die Probe aufs Exempel. Welchen Mehrwert erzielt eine solche Literarische Epistemologie und welche Nachteile nimmt sie dafür in Kauf?

Ein Mehrwert könnte durchaus darin bestehen, dass eine Literarische Epistemologie, wie Kohlross sie proklamiert und vorführt, durch ihre Orientierung an den semantischen Valenzen der Literatur die Neigung zu neuen Gedankenexperimenten und dezidierten Werturteilen fördert. In einigen Kapiteln gelingen dem Autor durchaus überraschende Wendungen—wenn er etwa im vorletzten Kapitel Kafka und Borges ins Gespräch bringt oder wenn er an ausgewählter Lyrik Rilkes zu erkunden sucht, was “die Poesie über den Gebrauch von Spiegeln weiß” (152).

Doch die Nachteile dieses Verfahrens der Annäherung von Literaturwissenschaft und Literatur überwiegen: Die Kapitel, die immer auch als Einzelabhandlungen lesbar sind, geraten zu literarästhetischen Essays, die sehr weitgehend auf den Rekurs auf bestehende Forschung zu den Problemen (auch den Problemen der ästhetischen Wahrheitsfindung) verzichten. Dies nimmt selbst den besseren Kapiteln dieses Buches viel an Überzeugungskraft. Wenn Kohlross etwa an Schillers Räubern die “Neuer-findung der Subjektivität” (71ff.) aufzuzeigen und das “Subjekt in der Vielheit seiner Stimmen” (80) zu finden glaubt, so wundert man sich doch, dass die reichhaltige Forschung gerade zum jungen Schiller und zu dessen Anthropologie, die Forschung zu Charakter und Tragik bei Schiller, die Forschung zu Autonomie und Theater von Kohlross hier nicht wahrgenommen und diskutiert werden. Kohlross bezieht sich fast ausschließlich auf Gert Sautermeisters “Räuber...


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