Gedankenlesemaschinen. Modelle für eine Poetologie des Inneren Monologs (review)
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Gedankenlesemaschinen. Modelle für eine Poetologie des Inneren Monologs. Von Mario Gomes. Freiburg: Rombach, 2009. 188 Seiten. €38,00.

Der innere Monolog, wie auch die Allwissenheit des Erzählers, sind Erzählstrategien, die im realen Leben nicht möglich wären; sie übersteigen die Rahmen “natürlichen” Erzählens (Fludernik, Towards a ‘Natural’ Narratology, London: Routledge 1996) und werden in der sog. “unnatürlichen” Erzähltheorie als Beispiele für den Bruch mit mimetischen Grundparametern des Erzählens verhandelt (vgl. Alber et al., “Unnatural Narratives, Unnatural Narratology: Beyond Mimetic Models,” Narrative 18.2 [2010]: [End Page 462] 113–36). Noch krasser als beim allwissenden Erzähler, der uns über die geheimsten Wünsche des Protagonisten aufklären kann und sogar alles das zu berichten weiß, was der Held nicht weiß (Füger, “Das Nichtwissen des Erzählers in Fieldings Joseph Andrews. Bausteine zu einer Theorie negierten Wissens in der Fiktion,” Poetica 10.2–3 [1978]: 188–216), fällt beim inneren Monolog die Unmöglichkeit ins Auge: Hier wird wortwörtlich aufgeschrieben, was der Protagonist denkt, so als ob die Erzählung sich eines Tonbandgerätes oder einer phonographischen Platte bediente, die einen Abdruck der Gedanken materialisierte.

Diesem Phänomen der Wiedergabe von Gedanken in der Form der Verschrift-lichung widmet sich Mario Gomes’ Buch. Dabei geht es Gomes hauptsächlich um die Metapher des Gedankenlesens und darum, wie dieses Bild ab den 1880er Jahren in Europa vielfach von Wissenschaftlern und Literaten bemüht wurde. Gomes weist insbesondere darauf hin, dass der innere Monolog die Abwesenheit einer Erzählerfigur impliziert, aber die lenkende Hand eines Autors erkennen lässt. Er betont darüber hinaus, dass die Technik des inneren Monologs einen fast unheimlichen Wechsel des Mediums mit sich bringt und neuronale Vorgänge in verbale Äußerungen und diese wiederum in Schrift transponiert.

Die Studie ist vor allem zu empfehlen bezüglich der hochinteressanten kulturge-schichtlichen Bezüge in Teil 1, und auch die Interpretationen von Joyce und Schnitzler bestechen durch ihre Feinfühligkeit und Überzeugungskraft. Weniger überzeugend ist der zweite, erzähltheoretische Teil, der von überholter Sekundärliteratur ausgeht, erzähltheoretische Terminologie zum Teil falsch anwendet und nichts wesentlich Neues bietet.

Gomes’ kulturhistorische Ausführungen in Teil 1 präsentieren ein faszinierendes Bild von diversen Szenarien, die zu Ende des 19. Jahrhunderts die Idee eines maschinellen Ablesens von Gedanken möglich erscheinen ließen. Gomes geht zunächst auf die Unmittelbarkeit der Darstellung ein, die etwa in der Figur des Mimen von Mallarmé (14– 15) und in der Interpretation von Racine als “romancier d’âmes” (Dujardin) aufscheinen. Auch die Offenlegung der Seele in Wagners Musikdramen (Téodor de Wyzewa) und die Auffassung von Musik als der idealsten Kunstgattung (Dujardin sieht den inneren Monolog als “Ausgeburt der Musik, besonders der Wagnerischen” [19]) stehen Pate für einen direkten, scheinbar unvermittelten Zugriff auf die Innenwelt der Charaktere. So reiht sich das Motiv der Gedankenlesemaschine in einen allgemeinen ideengeschichtlichen Hintergrund, dem auch etwas später die Freud’sche Psychoanalyse zuzurechnen ist (39– 40). Unter der Phalanx von Denkern, die um die Jahrhundertwende eine Aufzeichnung von Gedanken ins Auge fassen, erscheinen bei Gomes u.a. die folgenden: 1. Nietzsche, der das Kratzen der Feder beim Schreiben mit einer noch nicht erfundenen “Maschine” vergleicht, die “Gedanken auf irgend einem Stoff, unausgesprochen, ungeschrieben ab[zu]prägen” könnte (25); 2. Der Roman Dr. Berkeley’s Discovery (1899) von Richard Slee und Cornelia Pratt, in dem der Titelheld bei Obduktionen Photographien der visuellen Eindrücke verstorbener Personen aus den Gehirnfasern ziehen kann; 3. Lewis Carroll in seiner Kurzgeschichte “Photography Extraordinary” (1855), in der Gedanken in Schriftzeichen verwandelt werden—eine Idee, die 4. der Neurologe Hippolyte Baraduc 1896 aufgreift, als er mit Röntgenstrahlen “Gedankenphotographien” herstellt. In der Folge widmet sich Gomes auch der Telepathie als Methode des Gedankenaufschreibens (38–42), der Erfindung des Lügendetektors (43– 51) sowie der Hypnose als Methode des Gedankenlesens, z.B. [End Page 463] in Dracula, wo Mina unter Hypnose mit Dracula kommuniziert und seine Gedanken wiedergibt.

Zum Abschluss unterstreicht Gomes, dass offensichtlich die Zeit reif war für die Erfindung des inneren Monologs, da die Aufzeichnung “nicht geäußerter Gedanken” (69) vielfach in Literatur...


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