Buchstabendelirien. Zur Literatur Friederike Mayröckers (review)
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Buchstabendelirien. Zur Literatur Friederike Mayröckers. Herausgegeben von Alexandra Strohmaier. Bielefeld: Aisthesis, 2009. 227 Seiten. €24,80.

Der von Alexandra Strohmaier herausgegebene Sammelband Buchstabendelirien ist “als Festschrift Friederike Mayröcker gewidmet” (7). Wie es in einer Festschrift nicht anders zu erwarten ist, weist die Namenliste der Beiträgerinnen und Beiträger, die aus anderen (Sammel)bänden zur Literatur der Österreicher Autorin bekannt sind, kaum Überraschungen auf: Walter Hinderer, Klaus Kastberger, Elisabeth von Samsonow, Daniela Strigl, Valérie Baumann, Marcel Beyer, Inge Arteel, Alexandra Strohmaier, Sabine Kyora, Thomas Eder, Barbara Thums, Erika Tunner, Beth Bjorklund. Der Gattung Festschrift ist wohl auch zuzuschreiben, dass der Band auf eigenwillige Weise “literarische und/oder literaturwissenschaftliche Lesarten” (8) von Mayröckers Werken versammelt, und gattungstypisch sind nicht zuletzt die wiederkehrenden Freund-schaftsbekundungen, die Hinweise auf persönliche Begegnungen mit der Autorin sowie die Tendenz zu Rückblicken und Überblicken. Gerade letztere sind für die relativ junge Mayröcker-Forschung, der es noch weitgehend an literaturgeschichtlichen Beiträgen fehlt, allerdings gewinnbringend.

So fasst Kastberger am Beispiel der fünf Bände der Gesammelten Prosa und des Bands der Gesammelten Gedichte (Suhrkamp, 2001 und 2004) einerseits die Entwicklungen im Werk Mayröckers zusammen, wobei er vor allem auf ein zunehmend radikaleres Konstrukt des Mayröcker’schen Schreibens hinweist: auf die Engführung, ja Deckungsgleichheit von Leben und Schreiben, wie sie sich im folgenden Satz (ohne Komma) verdichtet: “ich lebe ich schreibe” (31). Andererseits betrachtet Kastberger Mayröckers Literatur nicht isoliert, sondern sieht in ihrer Prosa von 1949 bis 2001 “ein Panoptikum der jeweiligen Wege und Möglichkeiten der österreichischen Literatur” (19). Auch Hinderers subjektiv gefärbter “Geburtstagsbrief” an die “liebe Friederike” (9) ist nicht allein Rückblick auf eine langjährige Freundschaft; seine “Ohren-Blicke der Erinnerung” (9) wenden sich auch, ja vor allem den poetischen Verfahren der Autorin zu (14) und stellen dabei insbesondere die synästhetische Verschmelzung von Akustischem und Optischem, die Mayröcker (und Jandl) neue poetische Möglichkeiten [End Page 480] eröffnet habe, ins Zentrum. Dasselbe ließe sich, wie der Beitrag von Inge Arteel zeigt, für die Interferenz zwischen Text und Bild sagen.

Insofern sich die Beiträge auch vermehrt mit jüngeren und jüngsten Gedichten (Baumann, Strigl, Beyer) und Prosatexten (Thums, Tunner) der Autorin befassen, kommt der Band, über allen Festschriftcharakter hinaus, einem Desiderat der Mayröcker-Forschung nach.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mehrere Beiträgerinnen und Beiträger im Alterswerk Mayröckers eine Radikalisierung des Schreibens hervorheben. Strigl spricht in ihrem brillanten Beitrag “Vom Rasen (Furor)” etwa von einer “Affektpoetik” (51), die die “klassisch-idealistische Vorstellung eines ausgewogenen Affekthaushaltes” (70) weit hinter sich lässt zugunsten eines—freilich kontrollierten—Kontrollverlusts. Kein Wunder, dass die Hölderlin-Echos in Mayröckers Spätwerk häufiger erklingen und dass die Dichterin einem ihrer Gedichtbände, in dem sie Zwiesprache mit Hölderlin hält, gerade den Titel des Hölderlin-Pseudonyms gibt: Scardanelli (Suhrkamp, 2009).

Man könnte dem Band Buchstabendelirien, wie so vielen Festschriften, zu starke Heterogenität vorwerfen. Für diejenigen Leser, für die das Werk Mayröckers nicht ganz Neuland ist und die sich auf “das Fliedern der Sprache, oder mit anderen Worten das Buchstaben Delirium . . .” einlassen (um den Preis, auf strenge Wissenschaftlichkeit zu verzichten), bietet er nicht nur ein Panoptikum der Literatur Mayröckers, sondern auch ein Panoptikum der Mayröcker-Forschung, das seinerseits wiederum Anlass zur Analyse des Werks Friederike Mayröckers sein könnte, wie Strigl in ihrem Aufsatz zu Mayröckers ansteckender “Affektpoetik” (51) ansatzweise andeutet: “es besteht doch kein Zweifel darüber, daß das Leseerlebnis, beim professionellen Leser wie beim Amateur, ein stark affektives ist [ . . . ]” (51). [End Page 481]

Edith Anna Kunz
Université de Genève
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