Ästhetik des Authentischen. Literatur und Kunst um 1970 (review)
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Ästhetik des Authentischen. Literatur und Kunst um 1970. Von Christoph Zeller. Berlin: de Gruyter, 2010. 333 Seiten + 4 s/w Abbildungen. €99,95.

Die Nichtexistenz des Authentischen gehört zu den tragenden Theoremen des in den vergangenen Jahrzehnten dominierenden ästhetischen, politischen und psychologischen Diskurses, der zusammenfassend meist als “Postmoderne” bezeichnet wird. Wo der Begriff “Authentizität” überhaupt noch auftaucht, da steht er in scheinbar unvermeidlichen Anführungszeichen. Authentizität ist nichts Gegebenes, sie wird allenfalls ‘hergestellt’; sie ist ein Produkt ästhetischer Praktiken, sie wird auf medialer Basis inszeniert bzw. simuliert (vgl. Zeller, u.a. bilanzierend, 285); Jean Baudrillards Konzept der Simulakren setzt einen Schlussstrich unter die Authentizitätsdiskurse früherer Jahrzehnte. Kritik und Dekonstruktion des Authentizitätsbegriffs sind aufs engste verbunden mit der Reflexion über Medien und die Implikationen von Medialität; erscheint alle nunmehr als ‘vermeintlich’ markierte Authentizität doch in erster Linie als Phantasma einer von multimedialen Arrangements geprägten Welt der Wirklichkeits-Produzenten und Konsumenten. Als ein solches Phantasma allerdings hält sich das “Authentische”—es wird im Zeichen des Versprechens intensiver und neuartiger Erlebnisse gewinnbringend vermarktet, verspricht Befriedigung der individuellen und kollektiven Sehnsucht nach dem Reinen, Echten, Wahren, hilft dabei, einen “Schein der Utopie” (287) aufrechtzuerhalten.

Angesichts der gravierenden Umkodierungen, denen der Begriff des Authentischen in der zeitgenössischen Mediengesellschaft, ihren affirmativen und kritischen Selbstbeschreibungen unterliegt, ist Christoph Zellers Rekonstruktion seiner ästhetik-geschichtlichen Karriere ausgesprochen verdienstvoll. Zeller leistet dabei mehrerlei: Erstens umreißt er, ausgehend von einem Überblick über die Begriffs- und Ideenge-schichte des “Authentischen,” das Spektrum der ästhetischen Semantisierungen von “Authentizität” seit dem 18. Jahrhundert. Transparent wird die Signifikanz, die diesem Konzept insbesondere im Kontext lebensphilosophisch inspirierter Ästhetiken und innerhalb der Avantgarden sowie schließlich, unter spezifischem Vorzeichen, in der Ästhetik Adornos zukommt. Zweitens—und schwerpunktmäßig—beleuchtet er Kunst und Ästhetik der 1960er und 1970er Jahre im Zeichen einer sukzessiven “Kompromittierung des Authentischen” (285). Eine Konsequenz ist, dass Differenzen wie die zwischen dem Authentischen und dem Nichtauthentischen, dem Wirklichen und dem Fiktionalen, dem Original und der Kopie sukzessive eingeebnet werden: Authentizität wird—zumindest im Bereich der Literatur und Kunst—bewusst ‘gespielt,’ manchmal auf der Basis raffinierter technisch-medialer oder rhetorischer Voraussetzungen. Das “Authentische” ist zunächst als “Gegenentwurf zu einer medial vermittelten Wirklichkeit” [End Page 476] (1) konzipiert. Und seit Beginn der Moderne artikuliert sich gerade das (Selbst-) Verständnis von Literatur und Kunst mithilfe dieses Begriffs. Dabei werden diese auf der Seite des Authentischen verortet: als dessen Verbündete gegen den falschen Schein politischer Ideologien, falscher Rhetorik und bewusstseinsvernebelnder Konsumgesellschaften. Aus dem unterstellten Bündnis zwischen der Kunst und dem Authentischen abgeleitete Konsequenzen sind etwa der Tabubruch, die ästhetische und politische Provokation wie überhaupt die Verbindung von Literatur und Kunst mit politischem Engagement, die Hinwendung zum Dokumentarischen, das Bekenntnis zur Antikunst.

Zu Recht versteht Zeller die Karriere des Authentizitätsbegriffs selbst schon als “Indiz einer Krise” (7). Ein unaufhebbares “Paradoxon des Authentischen” (8), das Adornos “Ästhetische Theorie” paradigmatisch verdeutlicht, liegt in seiner Bindung an Vermittlungen: Wer auf das Authentische setzt, postuliert “Unmittelbarkeit,” kann jedoch “den Effekt der Unmittelbarkeit nur durch künstlerische Vermittlung erzeugen” (8). “Vermittelte Unmittelbarkeit” ist Zellers Befunden zufolge vor allem charakteristisch für weite Bereiche der literarisch-ästhetischen Szene der 1960er und 1970er Jahre. Vielfach stehen deren Praktiken im Zeichen des Versuchs, durch Kaschierung ihrer medialen Parameter den Anschein des Unvermittelten zu erzeugen (8). Dies hat eine Vorgeschichte, die mindestens bis zu den in Teil 2 beleuchteten Avantgarden zurückverfolgbar ist. Indem sich deren Vertreter am Lebensbegriff und dem um diesen zentrierten Diskurs orientieren, optieren sie für eine Entgrenzung zwischen Kunst und Leben, die der künstlerischen Praxis zu ‘vitaler’ Bedeutung und Effizienz verhelfen soll. Zellers These, die “Metaphorik des Vitalen” gipfele “in der Utopie des Authentischen” (12), wird durch seine Ausführungen konkretisiert und plausibilisiert.

In mehreren Einzelkapiteln zu ausgewählten Autoren, Künstlern und ästhetisch-politischen Tendenzen wird die weitere Geschichte des Authentischen als einer ästhetischen Kategorie nachgezeichnet, die—so Zeller (21)—eng mit dem Erscheinen und dem Verschwinden der Avantgarden verbunden ist. Die allmähliche Demontage des Authentizitätskonzepts erweist sich insgesamt als ein ebenso facettenreicher Prozess wie dessen vorangegangene Karriere. Alexander Kluge (vgl. Teil 3) arbeitet zwar...


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