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  • Echo. Zur neueren Celan-Philologie *
  • Fritz Breithaupt (bio)

Die Celan-Philologie ist seit einigen Jahrzehnten Schauplatz der Diskussion dessen, was lesen heißt. So präzise Texte sprechen, so unklar ist, was sie sagen. Obwohl ein Text ohne Bedeutung kaum denkbar ist, kann das von einem Text Bedeutete nicht als fester Bestandteil des Textes gelten. Das Bedeutete eines Textes ist zugleich die Mitte eines Textes, die alles zusammenhält, und ein Äußeres, welches nicht im Text erscheint. Mit der Frage der Bedeutung wird die Grenze zwischen Innen und Außen eines Textes zweifelhaft. Gerade “die Abwesenheit des Sinns führt zu dem Wagnis” der Lektüre, 1 eine solche Grenze zu setzen. Doch in dem, was eine Lektüre als die Bedeutung eines Textes setzt, verschwindet das Wagnis und mit ihm der Text.

Die Texte, denen Celans Zeitgenossen Negativität und Hermetik [End Page 631] nachsagten, haben viele Interpreten dazu herausgefordert zu zeigen, was die Gedichte trotz ihrer scheinbaren Chiffrierung sagen. Verunsicherung haben Lektüren vom Schlage Gadamers erfahren, die ausgehend vom Allgemeinverständnis den Sinnhorizont der Gedichte erschließen wollen. Wichtig sind hier die Befunde und Diskussionen von Elizabeth Petuchowski, die vielsprachige Wortspiele erkennt, 2 von Otto Pöggeler, der zum Teil verblüffende Anspielungen auf andere Texte sowie biographische und historische Ereignisse zu Tage bringt, von Thomas Sparr, der eine differenzierte Analyse des Hermetischen leistet, 3 und von Philologen wie James K. Lyon, die den sondersprachlichen Wortschatz Celans betonen, der sich erst mit dem Wörterbuch erschließt. 4 In der Unsicherheit nicht nur darüber was, sondern auch wie die Texte Celans bedeuten, und ob sie überhaupt bedeuten, kann keine Lektüre sich fraglos auf die Prinzipien einer Hermeneutik oder Literaturwissenschaft stützen, da eben deren Grundfesten in Frage gestellt sind. Jede Lektüre Celans wird zum Programm einer Art des Lesens und muß auch so beurteilt werden. Im Folgenden sollen einige neuere Lektüren in diesem Sinne dargestellt werden, insbesondere aus “Der glühende Leertext.” Annäherungen an Paul Celans Dichtung, herausgegeben von Christoph Jamme und Otto Pöggeler, 5 und aus Word Traces. Readings of Paul Celan, herausgegeben von Aris Fioretos 6.

Einer der neueren Versuche, eine Fachsprache eines Gedichtes Celans zu berücksichtigen, stellt Joachim Schulzes Aufsatz “Die reinsten Gletscher der Ästhetik” 7 dar. Schulze legt anhand von Celans Gedicht Weggebeizt die Kontinuität einer dichterischen Tradition dar, die die Erfahrung poetischen Sprechens mit Vorstößen in extreme Bergeshöhen verbindet. Zunächst konstruiert er unter Zuhilfenahme von Celans geophysischen Textquellen eine in sich stimmige Gebirgslandschaft, wobei er die Anklänge der geophysischen Termini außerhalb ihrer fachspezifischen Bedeutung unberücksichtigt läßt. Dann jedoch findet er in dem “menschen-/ gestaltigen Schnee” eine Analogie zur versteinernden Kraft der Medusa in der Georg-Büchner-Preisrede Celans und projiziert den landschaftlichen Raum in ein Schema, welches die Preisrede angeblich entwickelt. Damit wird das Vokabular der Geosprache, welches Schulze nur in einem “Kommentar” nicht aber in der “Deutung” diskutiert, zur bloßen “Allegorese” einer Idee der Preisrede. 8 So harmlos diese Unterscheidung von Kommentar und Deutung scheint, so sehr steht sie im Mittelpunkt der Auseinandersetzung um die Lektüre von Celans Gedichten. Auch der Quellentext, so [End Page 632] heißt es weiter bei Schulze, “hat nur der Konkretisierung gedient.” 9 Mittels des Begriffs der Allegorese und des Kurzschlusses des Textes mit einem zweiten Text beseitigt Schulze alles im Gedicht Unklare auf Kosten des Gedichtes selbst, indem er von außen diktiert, was das Gedicht zu sagen habe. Daß Allegorien ein zweischneidiges Mittel der Deutung sind, hätte Schulze bereits von den von ihm selbst als Zeugen aufgerufenen Texten Mallarmés ableiten können. Bei Mallarmé ist, wie man ausführlich diskutieren müßte, nichts mehr Allegorie einer zu erkennenden Deutung, sondern höchstens nur Allegorie anderer Allegorien.

Als Allegorie oder Metapher benannte und damit meist entwertete Wendungen laden nicht wenige Interpreten immer noch zu schnellen Deutungen ein, um ausgehend von dem angeblich Gemeinten die scheinbar dunklen Stellen zu beleuchten. 10 Damit wird der Horizont der Gedichte in eine außerhalb der Gedichte liegende Bedeutung verlegt. Nicht das Gedicht ist dann von Interesse, sondern der von ihm abgebildete Sachverhalt. Sicherlich ist es wichtig und freudebereitend...

Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 631-657
Launched on MUSE
1995-04-01
Open Access
No
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