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Reviewed by:
  • Despotie der Vernunft? Hobbes, Rousseau, Kant Hegel
  • Bernd Ludwig
Armin Adam . Despotie der Vernunft? Hobbes, Rousseau, Kant Hegel. Reihe praktische Philosophie. Műnchen: Karl Alber Verlag, 1999. Pp. 304. Cloth, DM 74.00.

Eine Philosophie der Vernunft bedroht die Freiheit, weil der Versuch einer konsequenten Begründung der politischen Institutionen aus Freiheit und Vernunft den Absolutismus ebendieser Institutionen begünstigt (285). Das ist die These, die Armin Adams politikwissenschaftliche Habilitationsschrift anhand einer Analyse der politischen Philosophie der Aufklärung, genauer, anhand der Lektüre von Hobbes, Rousseau, Kant und Hegel expliziert: Hobbes' individualistische Revolution des Naturrechts führt zum Absolutismus des Leviathan, Rousseaus Ideal der Volkssouveränität [End Page 591] zur Mystik der volonté générale, Kants Verrechtlichung des Politischen zur Leugnung des Widerstandsrechts und Hegels Pathos der Freiheit schließlich zum Mythos des Staates. Bei allen vier Autoren wird der aus der Freiheit geborene Staat vor den Gerichtshof der Vernunft zitiert und am Ende steht die Aufhebung (Hobbes) oder die radikale Umdeutung (Rousseau bis Hegel) des Begriffs der Freiheit, welche die ursprünglichen Freiheits-Intuitionen vergessen macht.

Deutungen, welche die Aufklärung an ihren befreienden Leistungen messen, sind für Adam zwar genauso berechtigt wie jene, die ihre "dunkle Seite" (288) thematisieren. Ihm geht es gleichwohl darum, gerade die letztere nicht als bloß-akzidentell zu begreifen, sondern vielmehr die Kritik der philosophischen Aufklärung "aus dem Inneren der philosophischen Arbeit" zu leisten (288) und so der Apologie der Aufklärung eine "zweite Geschichte" zur Seite zu stellen.]

Ausgangspunkt für die Politische Philosophie der Aufklärung wie auch für Adams Auseinandersetzung mit ihr ist die Vertragstheorie des Staates (22 ff.). Bei Hobbes und Rousseau findet die politische Gegenwart in der "Urszene des Vertrages" ihre Legitimitätsquelle (288). Erst mit Kant (und Hegel) wird der Vertrag verpflichtungstheoretisch entlastet, als Scharnierstück zwischen Motivation und Obligation entbehrlich, weil eine reichere praktische Philosophie die Rede von der Pflicht zum Staat rechtfertigen kann (159 ff.). Hobbes setzt noch auf die individuelle ökonomische Rationalität als movens zum Staat. Die Freiheit ist aber nur das Prinzip der Herrschaftsbegründung, sie wird durch das Prinzip der Souveränität in die Vorgeschichte des politischen Körpers verbannt (44, 70). Rousseau behält die Hobbessche Interessenlogik bei, doch durch die Konstitution der volonté générale wird der Selbsterhaltungswille des Einzelnen in den Willen zur Erhaltung des Gemeinwesens transformiert (94). Von der Herrschaftsbegründung verschiebt sich der Blick auf die Herrschaftspraxis (98). Entsprechend schwankt Rousseau zwischen einer Interpretation seiner volonté générale als bien commun(Économie Politique) und als volonté de tous (Du Contrat social). (104 ff.) Die Freiheit im Staat wird mit der Vernunft identifiziert und so der bloßen Willkür entgegengesetzt, der Gesellschaftsvertrag ist nicht mehr nur die Legitimationsgrundlage der Herrschaft, sondern "die Stunde Null" des Projekts der politischen Volkserziehung durch Institutionen. (133) Kant endlich löst die Pflicht vom Nutzen (168) und kann so auf die individuelle Freiwilligkeit, d. i. auf jegliche kontraktualistische Herrschaftslegitimation verzichten: Das "exeundum e statu naturali" wird zur Pflicht und der Vertrag degeneriert zur (moralphilosophischen) Idee (175): "Die Abkehr vom Prinzip empirischer Freiwilligkeit zugunsten des moralphilosophischen Prinzips der Universalisierung von Freiheit ersetzt auch die empirischen Subjekte der Staatsbegründung durch die Vernunft selbst" (178). Hegel verabschiedet dann endgültig die "epistemische und moralische Priorität des Individuums" (246) indem sein Konzept der Sittlichkeit es ihm erlaubt, die Freiwilligkeit in der "substanziellen Freiheit" aufgehoben zu sehen (241). Der "fundamentalistisch-kritische Gestus" der Aufklärung wird durch das Vertrauen in die Wirklichwerdung des Vernünftigen ersetzt. Indem Hegel das Recht als entwickelte Idee der Freiheit versteht, bildet seine Rechtsphilosophie den Gipfel einer politischen Philosophie der Aufklärung (252). [End Page 592]

Adams Buch will ein Korrektiv für jenen Aufklärungsoptimismus liefern, der mit dem Zeitalter der Vernunft das Ende der Geschichte eingeläutet sieht. Ohne Frage: Das Ideal einer "vollendeten Herrschaft der Vernunft" (289), wie es Adam als Leitmotiv bei dem von ihm behandelten "Quartetts" entdecken will, überforderte jede menschliche Form der Politik. Aber möglicherweise wird man zumindest einigen dieser Autoren eher gerecht, wenn man ihr Unternehmen gerade umgekehrt als den kritischen Versuch begreift, menschliche Herrschaft vom Glorienschein arkaner Wahrheiten zu entkleiden...

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Additional Information

ISSN
1538-4586
Print ISSN
0022-5053
Pages
pp. 591-593
Launched on MUSE
2005-02-24
Open Access
No
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